Blut und Tränen
21 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 16
Um diese Zeit war in Torelm noch immer etwas los. Über den Gassen hingen die Bänder für das Fest, in den Fenstern brannte Licht, und irgendwo sang jemand falsch und laut. Die Gruppe ging nach Westen, und mit jedem Schritt wurde es leerer und kälter, bis nur noch ihre eigenen Schritte auf dem Pflaster zu hören waren. Am Tor erinnerte Malu daran, dass der Zirkus jederzeit ankommen konnte, also schickte Wolfgang Luna in den Himmel; auf den Straßen vor der Stadt stand kein einziger Wagen.
Das Haus fanden sie nach einer Weile ganz am Rand, dunkel wie alle Häuser hier, mit Fensterhöhlen ohne Glas. Unter ihnen knirschten die Scherben bei jedem Schritt. Malu hockte sich hin und hielt eine davon ins Mondlicht: Die Scherben lagen außen, die Fenster waren also von innen eingeschlagen worden.
Weiter kamen sie zunächst nicht, denn die Tür ließ sich nicht öffnen, und am Schloss lag das nicht: Von innen war ein Stuhl unter die Klinke geklemmt. Das Holz war alt, vom Regen weich geworden und an den Rändern grau und faserig, und als Wolfgang mit Anlauf dagegentrat, gab es mit einem dumpfen Knacken nach. Sein Bein steckte bis zum Knie im Türblatt, und die Splitter hielten es wie Widerhaken. Ludwig zog ihn heraus, griff durch dasselbe Loch nach dem Stuhl, beugte sich tiefer und tiefer hinein und saß dann ebenfalls fest. Malu und Lyria zogen an ihm, bekamen ihn aber nicht los und landeten beide rücklings auf den Stufen. Auf der anderen Straßenseite blieb jemand stehen.
„Schau mal! Einbrecher!“, rief ein Kind, woraufhin seine Mutter es bei der Hand nahm und eilig in eine andere Richtung zog.
Ludwig, immer noch in der Tür, schickte einen Stoß dunkler Magie hindurch. Der Stuhl schlug scheppernd gegen die Wand, die Klinke gab nach, und die Tür stand offen. Er steckte trotzdem weiterhin fest, bis er sich Wasser über Schultern und Rücken laufen ließ und sich aus dem Holz zog.
Drinnen schlug ihnen kalte Luft entgegen, die durch die leeren Fenster zog, und es roch nach nassem Holz. Durch die Löcher in der Wand fiel genug Mondlicht herein, um zu sehen, dass hier ein Kampf stattgefunden hatte: Der Esstisch lag umgeworfen auf der Seite, Stühle standen quer im Raum, und auf dem Boden und an den Wänden waren Brandflecken. Malu ging in die Hocke und fuhr mit der Hand über einen davon. Lange her sei das nicht, meinte sie.
Weil unten niemand war, prüfte Ludwig die Treppe. Das Holz war so morsch wie die Tür und roch auch so, hielt aber, und unter jedem Schritt gab es nach und ächzte. Er ging mit Lyria hinauf, während Malu die Haustür hinter ihnen zuzog. Oben lag ein kurzer Flur mit zwei Türen, und hinter der ersten ging das Durcheinander weiter: ein schmales Bett, Kleider auf dem Boden, ein Schrank, der schief an der Wand lehnte, und um diesen Schrank gewickelt mehrere Seile, die sich in das Holz schnitten. Von innen klopfte es, leise und in unregelmäßigen Abständen, als hätte jemand damit längst aufgehört zu rechnen, dass es etwas bringt.
Lyria schnitt die Seile durch, und kaum war der Widerstand weg, flogen die Türen auf und schlugen gegen die Wand. Heraus kam der Geruch von Schweiß und altem Staub, und darin saß eine blonde Halbling, gefesselt, die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, weil ihr schon das Mondlicht zu hell war.
„Seid ihr von der Wache?“, war das Erste, was sie wissen wollte, während Ludwig sie losband.
„Bist du Vilgar?“, fragte Lyria.
„Sie haben Ramo mitgenommen.“
Dann stand sie auf. „Ich habe Hunger.“ Damit war sie an Ludwig und Lyria vorbei die Treppe hinunter, so schnell, dass die beiden ihr hinterherliefen. Unten sah sie sich das Erdgeschoss an. „Die haben mir das ganze Haus zerlegt.“ Es sei nicht ihres, fügte sie hinzu, sie wohne nur günstig darin.
Unten saßen sie dann zusammen, und Vilgar erzählte, was sie wusste, und das war wenig.
„Wir waren trinken, Ramo und ich. Unterwegs haben wir einen Zwerg getroffen, den wir kennen, und ihn mit hierhergenommen, ich hatte ja noch was von Seja da.“ Man habe Spaß gehabt, sagte sie, dann sei ihr schlecht geworden und man habe sie nach oben gebracht. „Und dann hat mich etwas am Kopf getroffen. Als ich wieder zu mir kam, saß ich schon in dem Schrank. Von unten kam ein Lärm, als würde das Haus einstürzen.“
„Wer hat das hier so zugerichtet?“, fragte Ludwig.
„Das war Ramo. Der kann sich wehren.“ Sie deutete auf die Wand. „Die Flecken da sind von seinen Blitzen.“
Warum die beiden überhaupt angegriffen worden seien, wusste sie nicht, und was jemand von Ramo wollte, ebenso wenig. Den Zwerg kannte sie, den Menschen, der dabei gewesen war, nicht. „Aber der kannte Seja.“
Was sie nicht losließ, war etwas anderes. „Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?“ Ludwig nannte Tekar, doch das erklärte nur, warum jemand Ramo suchte. „Schon. Aber wie habt ihr mich gefunden?“ Als Malu den Laden am Stadtrand erwähnte, nickte sie, als wäre damit alles gesagt. „Seja. Ja. Seja ist … besonders.“ Auch dass Seja von Ramo als einem silbernen Geschenk gesprochen hatte, nahm sie ohne Überraschung hin. Dann griff sie in ihre Hosentasche und zog einen kleinen Beutel hervor; ihr Geld hatten sie ihr gelassen.
Erst als Lyria den Trauerhof ins Gespräch brachte, kam etwas Brauchbares. „Da, wo die Stadt steht, war mal ein Schlachtfeld“, sagte Vilgar. „Und das Problem war, dass die Toten wieder aufgestanden sind. Die Leute haben versucht, das aufzuhalten, und irgendwann konnte man hier leben. So ist Torelm entstanden. Das Feld war so etwas wie ein Friedhof, bis man es verschlossen hat. Offen habe ich es nie erlebt.“
Ob es einen Weg darunter hindurch gebe, fragte Malu. „Nicht dass ich wüsste. Rein kommt, wer einen Kleriker dabeihat und einen guten Grund. Meistens Elfen.“
„Ich komme nicht mit“, sagte sie zum Schluss. „Ich wäre euch keine große Hilfe. Aber sagt mir Bescheid, wenn ihr ihn findet.“ Wolfgang gab ihr eine Ration, die sie fast ohne zu kauen aß. Als die vier auf die Straße hinaustraten und sie ihnen nachwinken wollte, fiel ihr Blick auf die aufgebrochene Tür, und sie zuckte wieder zusammen.
Zwanzig Minuten später standen sie vor der Kathedrale, und über ihnen schlugen die Glocken Mitternacht. Die Tore in die Kathedrale waren geschlossen, und am Tor zum Trauerhof standen zwei Wachen, die kaum die Augen offen hielten, dazu ein Ordnungshüter mit einem Schwert, das für eine Person zu groß aussah. Auf der Mauer saßen Spitzen, und vom Dach eines der Nachbarhäuser wäre man zwar hinübergekommen, nur hätte unten niemand heil aufgesetzt.
Also gingen sie um das Viertel herum und sahen sich alles an, was von außen zu sehen war. Auf diesem Weg standen wieder Standbilder, diesmal keine Stadthalter, sondern Priester und Arbeiter, Leute, die etwas getan hatten, woran man sich erinnern sollte, und an einer Ecke hatte ein dunkelgrauer Dragonborn Nachtschicht und machte keinen Hehl daraus, was er davon hielt.
Weil die Mauer nichts hergab, schickte Wolfgang Luna darüber. Durch ihre Augen sahen sie einen Hof, der in Felder geteilt war, mit dunkelgrünem Gras und Bäumen mit kleinen Blättern, dazwischen überall Gräber und Statuen, ein eingezäuntes Stück, einen großen Teich und oben auf dem Hügel ein Mausoleum. Zu sehen war niemand.
Luna ging auf dem Dach des Mausoleums nieder und hüpfte die Stufen hinab, bis Wolfgang die Tür sehen konnte. Sie war über und über mit Zeichen bedeckt, Schilden, Händen und einem Schild mit einem Auge darauf, und dazwischen stand in mehreren Sprachen derselbe Text. Lesen konnte Wolfgang ihn nicht, also malte er ihn Zeichen für Zeichen in Ludwigs Buch, bis die anderen mitlesen konnten:
An jene, die uns nachfolgen. Vergangene Klagen ruhen in den Tiefen. Die Liebe der Schwestern versiegelt ihre Gestalt. Die Schwester schützt die Lebenden, die Schwester stellt sich mutig den Gräueln vergangener Tage.
Unter dem Text waren zwei kleine Schalen in die Tür eingelassen, über der einen ein Schild, über der anderen ein Schwert. Mehr gab Luna nicht her, und auch an der Mauer fand sich nur eine Stelle unter einer Statue, die schmutziger war als der Rest und hinter der nichts lag.
Blieb die Stadtmauer, die an die Mauer des Trauerhofs stößt: zwanzig Meter hoch, oben beleuchtet und erstaunlich schlecht bewacht, vielleicht zehn Leute auf die ganze Länge. Malu tauschte dafür ihre Rüstung gegen die dunkelgraue Nietlederrüstung, in der sie sich leise bewegen kann. Wolfgang kletterte mit dem Seil seitlich daran entlang, die Finger in den Fugen, den kalten Stein im Rücken, und zog sich über die niedrigere Hofmauer. Er landete im Gras und band das Seil an einem Baum fest; Ludwig prüfte es mit seinem Gewicht, dann kamen Malu und Lyria hinterher. Drinnen war es mit einem Mal still. Die Stadt lag hinter der Mauer und klang wie durch eine Wand, kein Wind ging, und das Gras unter ihren Stiefeln war weich und nachgiebig und roch, als wäre es am Verrotten. Als Malu stehen blieb und mit ihrer Gabe nach Untotem suchte, war an dieser Stelle nichts.
Sie blieben auf dem Weg, aus naheliegenden Gründen. Die erste Statue war mannshoch und hatte einen verformten Kopf, große Augen und einen weit offenen Mund, in dem eine Kerze brannte; der Stein darum war fleckig und wirkte, als wäre er am Verrotten. Das Licht der Flamme bewegte sich nicht, obwohl sie direkt davorstanden. Ludwig ging in die Hocke und las vor, was in den Sockel geschlagen war: „Bleib stark, wenn du den Toten gegenüberstehst.“
Weiter oben, an einer Steinplatte vor dem Mausoleum, stand die Statue eines Wächters in abgenutzter Rüstung, und kurz davor blieb Malu stehen und hielt Lyria am Arm fest. Da war etwas Untotes, sagte sie, und ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Im selben Moment trat am Fuß der Statue eine weiße Gestalt hervor, durchscheinend, sodass die Grabsteine dahinter durch sie hindurch zu sehen waren, in einer Rüstung wie die des Steinernen, der Helm aufgebrochen, ein Auge fehlte. Sie sah nur hinauf zu der Statue, als stünde dort etwas, das sie nicht verstand.
Wolfgang wurde sehr still, Malu nahm ihn hinter ihren Schild, und die vier gingen in einem weiten Bogen daran vorbei, Schritt für Schritt und ohne auf das Gras zu treten, das rascheln konnte. Die Gestalt rührte sich nicht. Danach kamen weitere Statuen, eine kniende Frau, ein kleinerer Wächter und, kurz vor dem Hügel, eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm, wo sich der Weg teilte. Dort spürte Malu wieder etwas, ohne etwas zu sehen, und sagte auch das. „Bleib stark“, sagte Ludwig.
Am Mausoleum drückte und zog Ludwig an der Tür, die sich kaum einen Fingerbreit bewegte. Dabei begannen die Zeichen zu leuchten, erst schwach, dann hell genug, um die Stufen auszuleuchten, und von innen drückte etwas dagegen, stetig und schwer, wie eine Hand, die sich gegen ein Fenster legt. Malu betete und spürte hinter der Tür eine starke Kraft, die sie kannte, weil es dieselbe Art Kraft war, die ohnehin in ihr steckte, doch mehr fand sie nicht heraus. Schwert und Schild in die Schalen zu legen, versuchte sie erst gar nicht lange, beides war viel zu groß.
Also suchten sie die Tür selbst ab. Lyria fuhr mit dem Finger durch die linke Schale, etwas Braunes blieb daran kleben, und als sie es Wolfgang hinhielt, sagte er, was es war: altes Menschenblut. Die andere Schale war leer. Ludwig fand auf der Marmorplatte am Boden helle Wachsreste. Als er sich umdrehte, sahen ihn Augen an.
Es waren die Augen der Frau, die Malu kurz zuvor gespürt hatte, ohne sie zu sehen: der Geist einer Frau, die ein Tuch im Arm hielt, in dem nichts lag. Eine Weile starrte sie die vier nur an. Dann kam sie näher. Lyria trat ihr mit dem Kurzschwert in der Hand entgegen, Malu zog Wolfgang zurück, und am Rand der Marmorplatte blieb die Frau stehen.
„Ihr seid keine Kleriker“, sagte sie. „Wer also seid ihr?“ Ludwig nannte den Gruppennamen, und sie sah ihn an. „Es ist lange her, dass Lebende diesen Weg heraufgekommen sind. Was sucht ihr hier?“ Sie suchten jemanden, sagte Ludwig. „Wenn ihr in das Mausoleum begehrt: Es wird euch nicht gelingen. Es ist versiegelt.“
Wie man es öffne, fragte Lyria, und damit begann das, was den Rest der Nacht bestimmen sollte. „Es ist so lange versiegelt, dass mir die Erinnerung daran entglitten ist. Ich weiß noch, dass zwei Frauen das Ritual vollziehen müssen. Mehr vermag ich euch nicht zu sagen. Vielleicht wissen die anderen mehr.“ Ob die Tür in letzter Zeit offen gestanden habe, fragte Ludwig. „Seit langer Zeit nicht mehr.“ Und was dahinterliege, fragte Malu. „Was von längst vergessenen Menschen geblieben ist.“
Interessant wurde es, als sie von den Besuchern erzählte. „Wenn Kleriker kommen, tragen sie helle Kerzen. In jüngerer Zeit kamen Geschöpfe, die ihre Gesichter verbargen. Die Tür haben sie nie geöffnet, und dennoch sind sie alle hier heraufgestiegen.“ Ob die etwas dabeigehabt hätten, fragte Ludwig. „Mal trugen sie Taschen“, sagte sie. „Mal trugen sie Körper. Ich hielt sie für Tote.“ Und ob sie je hineingegangen seien, fragte Lyria. „Nicht dass ich wüsste. Ihre Magie war eine andere als die der Kleriker. Zurückkehren habe ich keinen von ihnen sehen. Vielleicht weiß eine der anderen mehr.“
Malu sagte, sie habe Kerzen dabei, und während Lyria zusammenzählte, was sie bisher hatten, bot die Frau an, sie zu den anderen zu bringen. „Doch ich muss euch sagen: Vielen von uns fällt das Erinnern schwer. Ihr werdet ihrem Gedächtnis nachhelfen oder Geduld haben müssen. Ich gebe mir Mühe, doch was ihnen geholfen hat, weiß ich selbst nicht mehr.“ Wer sie denn sei, fragte Malu. „Ich … weiß nicht mehr, wie sie mich nannten. Nennt mich Elilia. So hieß meine Tochter.“
Dann zeigte sie in die Ferne, auf die eingezäunten Gräber. „Seht ihr jenes Feld dort drüben? Dort hält sich gewöhnlich eine von den anderen auf. Ich nenne es den letzten Spielplatz. Der Älteste von uns steht meist beim großen Wächterstandbild. Einer drüben, bei den Tafeln der Schwestern. Und den Letzten habe ich lange nicht gesehen; er ist meist am Teich und sieht auf die Wellen.“ Mitkommen werde sie nicht. „Es kostet mich Kraft genug, meine Gestalt zu wahren. Doch ich warte hier, falls ihr etwas braucht.“ Damit schwebte sie zurück und wurde wieder eins mit der Statue.
Bei den Tafeln hingen hohe Steinplatten, auf der linken die Frau in Rüstung, deren eine Hälfte man nicht ansehen konnte, in der Mitte Gebete, und davor kniete ein alter Mann in zerrissener Kleidung, um den Hals Ketten mit dem Zeichen Torms. Er spürte sie, bevor sie etwas sagten, drehte sich zu Malu um, sah ihre Rüstung und sah, was sie war.
„Dass ihr es noch wagt, hierherzutreten!“ Malu blieb stehen, wo sie stand. „Habt ihr nicht Lügen genug verbreitet?“
„Welche Lügen?“, fragte Ludwig, und der Mann sah nicht einmal zu ihm hin. „Frag sie!“
Malu wusste nicht, wovon er sprach, und sagte das auch, und was daraufhin kam, kam aus ihm heraus wie etwas, das lange keinen Zuhörer gehabt hatte.
„Man sagte uns, unser Glaube werde uns gelohnt. Dann SEHT MICH AN! Niemand kommt, um mich zu holen. SIE HABEN MICH VERGESSEN!“ Er suchte Malus Blick und ließ ihn nicht mehr los. „Was erwartet ihr von diesen kalten Wesen, wenn es sie überhaupt gibt? Glaubt ihr im Ernst, sie kümmerten sich um euch? Was man verspricht, wird niemals gehalten. Man wirft es fort wie Abfall.“ Er schlug nach dem Stein, und seine Hand fuhr hindurch.
Malu hörte sich das an, und es traf sie härter, als es ein Schlag getan hätte. Vor ihr kniete jemand, der ihrer Göttin sein Leben gegeben hatte, und Torm hatte ihn hier liegen lassen; das war kein Vorwurf, den sie entkräften konnte. Sie hatte in Weizwasser einen Eid geschworen und in der Kathedrale gespürt, dass eine Gelegenheit auf sie wartete, und nun stand sie vor dem, was aus einem anderen geworden war, der genau das geglaubt hatte.
Ob sie seine Seele befreien könne, fragte Ludwig sie leise. „Es gibt keine Wahrheit“, sagte der Mann. „Keine Wahrheit!“ Ludwig versuchte es trotzdem mit Hoffnung: Wenn schon die Götter keine gäben, dann vielleicht ein wenig von ihnen. Der Mann wollte keine, er sei hier gefangen, und dabei blieb es.
Erst Lyrias Handel brachte ihn weiter, sie würden ihm im Gegenzug beim Siegel helfen. „Niemand kann es brechen. Wir selbst haben es geschaffen, um die Toten im Mausoleum zu halten, denn sie kehrten immer wieder. Wir brachten das Artefakt und versiegelten sie. Ohne das Artefakt bricht niemand dieses Siegel.“ Ob sie denn alle hier eingeschlossen seien, fragte Lyria, und da wurde er laut. „Nein! Das ist etwas anderes. Das Siegel verschließt allein die Tür. Tief darunter schläft etwas, und das Siegel hält es davon ab, heraufzukommen. Es ist zu schwach, um so weit hinabzureichen. Ich weiß nicht, was es ist, aber ETWAS ist dort unten! Die letzten Male, als ich daran etwas zu ändern suchte, hat es mich zerrissen! Und NIEMAND KOMMT, UM MICH ZU HOLEN!“
„Vielleicht können wir etwas ändern“, sagte Lyria.
„Ihr werdet enden wie alle anderen! Ihr kommt nicht zurück!“
„Macht das für dich einen Unterschied?“
Darauf bekam sie ihre Antwort und noch etwas dazu. „Wenn eure Lügen mit euch sterben, soll es mir recht sein. Nach den Schatten müssen die beiden, die das Ritual vollziehen, ein Gebet sprechen.“
„Wie lautet das Gebet?“, fragte Ludwig.
Schutz: „Die Liebe der Schwestern versiegelt eure Gestalt. Ich schütze die Lebenden vor eurer Klage.“
Mut: „Vergangene Klagen ruhen in der Tiefe. Ich stelle mich mutig den Gräueln vergangener Tage.“
„Weißt du, was es mit den Schalen auf sich hat?“, fragte Ludwig weiter, und Malu warf ein: „Wir haben Blut in einer der Schalen gefunden.“
„Daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht vermag euch ein anderer zu helfen.“ Er wandte sich wieder den Tafeln zu. „Eurer Art habe ich genug geholfen!“
Am letzten Spielplatz stand ein morscher Zaun, und dahinter lagen Gräber enger beieinander als überall sonst. Als sie näher kamen, erschien der Geist eines kleinen Mädchens.
„Wer bist du?“, fragte Malu. „Das ist egal! Wer seid ihr?“ „Dreieinhalb Schleichi“, sagte Ludwig. „Wollt ihr Verstecken spielen?“ Ludwig sagte, dass sie das täten, wenn es ihnen dafür ins Mausoleum helfe, und das Mädchen war sofort einverstanden: „Abgemacht!“
Also zählte Ludwig, und sie suchten zu viert. Zweimal suchten sie an der falschen Stelle, dann fanden sie es beim mittleren Grabstein, und es wollte augenblicklich noch eine Runde. Erst die Hilfe, sagte Ludwig, woraufhin es von den Kerzen erzählte und davon, dass man sie aufstellen müsse; für mehr müssten sie sich noch einmal verstecken. Diesmal versteckten sich alle vier. Das Mädchen fand zuerst Wolfgang, dann Malu. „Sollen wir zusammen suchen?“, fragte Malu, und es sagte laut Ja; die beiden suchten eine Weile gemeinsam, und Lyria blieb als Einzige unentdeckt.
Was es sonst noch gesehen habe, fragten sie danach. „Eine war traurig und hat in die Schale geweint“, sagte das Mädchen. „Aber ich weiß nicht, warum.“ Damit hatten sie es beisammen: Blut, Tränen und Kerzen. Sie bedankten sich, und das Mädchen wollte wissen, ob sie wiederkämen, wenn sie ihren Freund gefunden hätten. Vielleicht, sagte Ludwig.
Auf dem Weg zum Teich sprach Malu aus, was sie beschäftigte, nämlich was dort unten liegen könnte. Lyria hielt Tiamat für naheliegend, und Malu wollte lieber noch einen der Geister fragen.
Am Teich stand das Wasser vollkommen still, obwohl kein Wind ging; ringsum standen Grabsteine, und von weit her war die Stadt zu hören. Malu spürte den Geist, bevor sie ihn sah, und dann fiel ihr auf, was an diesem Wasser nicht stimmte: Es warf kein Spiegelbild. Während sie die anderen fragte, ob sie das auch sähen, und Ludwig ans Ufer trat, hob sich etwas aus dem Teich, das nur aus Wasser bestand, und tauchte wieder unter. Ob sie etwas spüre, fragte Lyria, und Malu sagte, da sei etwas Untotes. „Das da?“
Ludwig ließ daraufhin Wasser aus der Luft zusammenlaufen, formte daraus eine kleine menschliche Gestalt und stellte sie vor sich hin. Das Ding im Teich hielt inne, kam näher, zerfiel, formte sich neu und ahmte nach, was Ludwig da gemacht hatte, bis es Umrisse bekam, dann Augen und einen Mund. „Ah ja, richtig …“
„Kannst du dich erinnern?“, fragte Ludwig.
„Für einen Augenblick war es mir entglitten. Wer seid ihr?“ Ludwig stellte sie noch einmal vor und sagte, was sie wollten. „Ihr wollt in das Mausoleum. Ich hülfe euch gern, doch vom Öffnen der Siegel ist mir kaum etwas geblieben. Ich weiß noch, dass die Tür nur offen steht, solange die Kerzen des Rituals brennen.“
„Weißt du, was dahinterliegt?“, fragte Malu.
„Viel Tod. Einst lebten Menschen in den Höhlen, bis die anderen kamen, um sie zu töten. Um irgendetwas willen.“
Dann hielt er inne und fragte seinerseits, welchen Tag und welches Jahr man habe. Tausend, sagte Malu. „Dann habe ich lange auf dieses Wasser gesehen.“ Eine Weile sagte er nichts. „Nun. Ich nehme an, es tut nichts mehr zur Sache. Wenn ihr euch abkühlen wollt: Das Wasser ist angenehm.“ Wolfgang lehnte das sehr deutlich ab.
Damit fehlte nur noch der Älteste, und der stand immer noch vor dem großen Wächterstandbild und sah hinauf. „Entschuldigung?“, sagte Malu. Er drehte sich um, und was er sah, war eine Frau in Rüstung mit Schwert und Schild. „Der Feind!“ Dann war er bei ihr.
Lyria war schneller. Aus dem Nichts, von der Seite, fuhr ihre Klinge durch ihn hindurch, und der Geist taumelte zurück und begriff vor allem nicht, woher sie gekommen war. Feiglinge seien sie, rief er, sie sollten mit Ehre kämpfen. Wolfgang traf ihn aus dem Hintergrund und schickte ihm einen Schwarm Ratten über den Boden hinterher, woraufhin er ihnen vorhielt, keine Achtung vor den Regeln des Kampfes zu haben. Malus Hieb ging daneben.
Dafür fuhr er durch sie hindurch. Es war, als ginge etwas Kaltes durch ihren Brustkorb und nähme auf dem Weg mit, was es greifen konnte; dieselbe Kälte erwischte auch Lyria. Dann wandte er sich Wolfgang zu, und sein Gesicht verzog sich zu etwas, wovor jeder weggelaufen wäre. Wolfgang blieb stehen.
Danach ging es nicht mehr weiter, jedenfalls nicht so. Der Geist verlangte einen Kampf nach Regeln, und gegen Untote wirkt Malus Kraft am besten, also steckte Ludwig seine Waffe weg, damit er sich nicht weiter aufregte, und zeigte auf Malu. „Du kämpfst nur gegen sie.“
Lyria, Wolfgang und Ludwig traten zurück, bis zwischen ihnen und den beiden Grabsteine standen. Und der Geist nahm es an. Er richtete sich auf, so weit es seine aufgebrochene Rüstung zuließ, setzte den Speer auf und wartete, bis Malu ihren Schild gehoben hatte. Zum ersten Mal in dieser Nacht stand jemand auf diesem Hof einfach nur da, wie es sich gehörte, und sah sein Gegenüber an.
Dann ging Malu auf ihn zu.
Ihr erster Hieb fuhr durch ihn hindurch, ohne auf Widerstand zu treffen, und riss ihm im selben Zug den Speer aus der Hand; die Waffe schlug ein Stück weiter ins Gras und war nicht mehr da. Der Geist sah an sich hinunter, dorthin, wo die Klinge ihn getroffen hatte, und in diesem Moment kam der zweite Hieb.
Diesmal blieb das Schwert nicht nur Stahl. Zwischen Ausholen und Treffen legte sich das Licht hinein, mit dem Malu betet, und es war so hell, dass die Statuen ringsum für einen Herzschlag Schatten warfen. Das Licht fuhr durch den Geist hindurch wie durch Papier.
Was dann kam, hörten die drei eher, als dass sie es sahen. Der Geist wurde über den halben Hügel geschleudert, schlug mehrere Meter weiter ein und blieb im Boden stecken, und über dem Gras hing ein Geräusch wie von etwas, das noch brennt, dazu der Geruch nach heißem Metall. Es war sehr still danach.
Wolfgang stellte fest, dass dieser Friedhof vielleicht doch auszuhalten war.
Dann richtete sich der Geist wieder auf. „Oh. Ich bin ja schon tot.“ Er kam zurück und verneigte sich. „Ich verneige mich vor solcher Macht. Noch immer bin ich hier, auf diesem verfluchten Friedhof. Womit kann ich euch dienen?“
Malu verneigte sich ebenfalls. „Wir wollen in das Mausoleum.“
„Ihr wollt zu den alten Wächtern. Mir ist wenig geblieben. Ich weiß nur, dass die Schatten, sobald die Kerzen aufleuchten, aus dem Marmor zu treten suchen, um das Siegel zu brechen. Dann gilt es, keine Furcht zu zeigen, standzuhalten und das Ritual in der rechten Ordnung zu Ende zu führen.“
„Erinnerst du dich an die richtige Reihenfolge?“
„Wenn ich wüsste, was dazugehört …“ Also zählte Malu ihm auf, was sie hatten, und das genügte.
„Ja. Ja, ich erinnere mich. Zur Linken die Göttin Torm, das Schild. Zur Rechten die Göttin Helm, das Schwert. Zuerst schneidet sich die Linke in die Hand, dann lässt die Rechte ihre Tränen in die Schale fallen. Darauf werden die Kerzen entzündet, und die Schatten kommen mit einem fürchterlichen Wind. Haltet die Kerzen am Brennen. Die Tür gibt nach und bleibt offen, solange sie brennen. Ja. So war es.“
„Weißt du, was dahinterliegt?“, fragte Malu, und darauf bekam sie die Geschichte dieses Ortes. Eine sehr tiefe Gruft liege dort, in der einst Leute lebten, bis ihr Zuhause zerstört wurde, als man das Reich baute, das niemals endet. Sie hätten sich gewehrt, hätten tief unten nach dem toten Reich gesucht und es nie gefunden, und sie hätten viele Rituale vollzogen, deren Magie sicher noch da unten sei, denn die Toten standen immer wieder auf. Es sei ein langer Kampf gewesen, gewonnen habe man ihn, nur habe er das nicht mehr erlebt. Die Leichen habe man hinuntergeworfen in der Hoffnung, der Rest erledige sich mit der Zeit; dann habe man das Mausoleum mit Türen und Fallen darübergebaut, und trotzdem seien die Toten weiter heraufgekrochen, bis man die Magie aufgab und sie nach unten versiegelte. Erst danach entstanden die Kathedrale und die Stadt.
„Hast du in letzter Zeit jemanden kommen sehen, der auch in das Mausoleum wollte?“, fragte Malu zuletzt.
„Bisweilen höre ich meine Brüder, als geschähe etwas dort unten. Es kommen seltsame Leute, im Dunkeln nicht zu erkennen. Sie treten in die Tür und sind fort.“
„Ist das mehr als einmal passiert?“
„Ja. Erst vor ein paar Tagen waren welche da.“
„Weißt du, wer?“
„Zwei Gestalten, größer als ihr, und einen Gefesselten bei sich.“ Er sah Malu an. „Ich würde euch nicht raten, dort hinabzusteigen.“
„Das ist keine Möglichkeit“, sagte Malu.
„Dann hoffe ich, dass meine Kameraden euch nicht fassen. Die wenigsten kehren zurück.“
„Eine Frage noch. Sind die beiden je wieder herausgekommen?“
„Ja. Doch nicht durch die Tore. Sie nahmen einen Pfad, hinten am Teich, nahe der Mauer.“ Er zögerte. „Aber ich sehe nicht mehr so viel von diesem Ort wie früher.“
„Du hast uns sehr geholfen“, sagte Malu. „Danke.“
„Lebt wohl.“ Dann sah er wieder hinauf zu seiner Statue.
Zurück am Mausoleum zog Malu die Nietlederrüstung aus und stieg wieder in ihre schwere; was auch immer hinter der Tür wartete, geschlichen werden musste dort nicht mehr.
Ludwig stellte sich seitlich vor die Stufen und ließ Wasser aufsteigen, bis eine Wand davon zwischen ihnen und dem Hof stand. Wenn der Wind kam, von dem der Wächter gesprochen hatte, sollte er nicht die Kerzen erwischen.
Malu stellte die Kerzen auf. Dann zog sie den Dolch, hielt die Hand über die Schale unter dem Schild und schnitt hinein. Das Blut tropfte dunkel in den Stein. Neben ihr stand Lyria an der Schale unter dem Schwert, und was ihr dabei durch den Kopf ging, behielt sie für sich; sie beugte sich darüber, bis eine Träne fiel.
Dann sprachen sie, eine nach der anderen.
„Die Liebe der Schwestern versiegelt eure Gestalt“, sagte Lyria. „Ich schütze die Lebenden vor eurer Klage.“
„Vergangene Klagen ruhen in der Tiefe“, sagte Malu. „Ich stelle mich mutig den Gräueln vergangener Tage.“
Die Luft begann sich zu bewegen. Sie kam nicht aus einer Richtung, sie kam von überall, und sie roch nach kaltem Stein; hinter Ludwigs Wasser legte sich das Gras flach auf den Boden. Dann löste sich der dunkle Marmor neben der Tür, und aus ihm heraus kamen Hände. Schwarze Hände, eine nach der anderen, die sich öffneten und schlossen und nach allem griffen, was in Reichweite war.
Die Kerzen brannten weiter.
Malu und Lyria legten die Handflächen auf die Zeichen der Tür. Der Stein gab nach, nicht weit, einen Spalt, und die Hände, die danach fassten, verbrannten in dem Licht, das aus diesem Spalt kam, als hätte man sie in ein Feuer gehalten. Zu viert drückten sie die Tür so weit auf, dass sie hindurchpassten, und gingen hinein.
Hinter ihnen fiel Ludwigs Wasser in sich zusammen. Die Kerzen brannten, die Tür schloss sich, und das Geräusch, mit dem sie ins Schloss fiel, war das letzte für eine ganze Weile.
Vor ihnen war es vollkommen dunkel, und eine Treppe führte nach unten.
Also gingen sie.