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Die Luft hinter der Tür war abgestanden und schwer und roch nach altem Essen.

An den Wänden hingen die Zeichen Torms und Helms, und zwischen ihnen standen Särge, größer als jede Person, von schweren Steinplatten verschlossen. Licht brauchten sie keines, um das zu sehen. Was über den Särgen lag, erkannte nur Ludwig, dem sein Pakt im Dunkeln ein Stück weiter zu sehen gab als den anderen: hoch über ihnen schloss eine Decke aus demselben Stein den Raum ab.

Also ging er voran, die Treppe hinunter, deren Stufen jemand vor langer Zeit sehr unterschiedlich hoch gebaut hatte.

Unten wurde es kälter. Der Raum war rechteckig, der Boden aus Steinziegeln, und die Zeichen darin waren von der Zeit so abgetreten, dass sie nichts mehr hergaben. Irgendwo in der Ferne schabte und kratzte etwas. Ludwig blieb stehen und sagte, was er sah und die anderen nicht: einen Gang und am Ende eine Tür, die mit einer Metallsperre verschlossen war.

Was in diesem Raum stand, konnten sie dann alle erkennen. Verrottete Tische. Umgefallene Stühle. Und Käfige, hoch genug, dass eine Person darin stehen konnte.

Der Raum war schnell verlassen worden.


Lyria legte das Ohr an die Holztür zur Linken und hörte nichts. Nicht wenig, sondern gar nichts, so still, wie es nur hinter sehr dicken Wänden ist.

Rechts stand eine kleinere Tür aus Eiche, und davor eine Truhe, die Wolfgang sich ansah: alt, morsch, kein Schloss. Ludwig ging zur Eichentür, kam nach zwei Schritten zurück und sagte, dahinter stinke es so sehr, dass man die Tür besser zulasse; eintreten könne man sie jederzeit, sie stehe kaum noch.

Lyria öffnete die Truhe, und der Deckel gab knarrend nach. Darin lagen zwei kleine Silberbecher, drei leere Kristallflaschen, zwei weitere mit etwas Dunkelrotem darin, eine kleinere mit etwas Schwarzem, eine kleine Faust aus Holz und zehn Rollen verrottetes Papier, auf denen nichts stand. Lyria nahm eine der dunkelroten Flaschen heraus und schüttelte sie, sah zu, wie sich die Farbe darin wieder verteilte, und hielt sie Malu hin: zu dünn für Blut, kein Zeichen darauf, vielleicht ein alter Heiltrank.

Malu nahm sich alle drei Flaschen vor. Zwei seien Heiltränke, sagte sie, dunkler als die ihrer Familie, aber eindeutig. Die dritte sei Tinte.

Sie teilte aus, einen Trank für Ludwig, einen für Lyria. Dann sagte sie: „Gib mir mal deine Hand.“

Lyria sah sie an und wusste nicht, worauf das hinauslaufen sollte. Sie gab ihr trotzdem die Hand. Die Kälte, die der Geist oben im Trauerhof durch sie beide gezogen hatte, saß Lyria noch in den Knochen, und Malu wusste das, weil es sie selbst getroffen hatte. Sie legte beide Hände um Lyrias und schloss die Augen, und dann lief eine Wärme den Arm hinauf, die nichts mit dem Raum zu tun hatte, in dem sie standen.

Währenddessen standen Ludwig und Wolfgang am anderen Ende, vor der großen Tür. Ein eiserner Riegel lag quer darüber, und unter dem Staub darauf war lange niemand mehr hier durchgegangen. Dahinter klopfte es, nicht unmittelbar hinter dem Holz, sondern weiter weg, wie durch mehrere Räume hindurch, und dazwischen kam ein Gurgeln, wie es von keiner Kehle kommt, in der noch Luft gebraucht wird.

Ludwig schlug vor, die Tür vorerst zuzulassen. Wolfgang war dafür.


Hinter der Holztür lag ein Arbeitsraum, und der verriet mehr über diesen Ort als alles davor.

Zwei Tische mit Stühlen, bronzene Kerzenhalter, Tintenfässer, ein morsches Bücherregal. Auf den Tischen lagen Papiere, und auf einigen standen Wörter, die jemand mehrfach geschrieben und wieder durchgestrichen hatte, bis sie richtig waren.

Die anderen Blätter waren keine Schreibübungen. Lyria breitete sie aus: Skizzen von Operationen, Körper mit eingezeichneten Schnitten, einzelne Arme, immer wieder, in verschiedenen Stellungen gezeichnet, als hätte jemand herausfinden wollen, wie weit sich etwas bewegen lässt. Auf einem Blatt war ein Wesen mit großen Augen und weit offenem Mund, und das kannte Lyria: Genau so hatten die Statuen zwischen den Gräbern ausgesehen, die mit den Kerzen im Mund. Wieder andere Blätter zeigten Mechanismen mit Pfeilen und Druckplatten. „Das sind Fallen“, sagte Lyria. „Vermutlich jedenfalls.“

Zwei Blätter passten nicht dazu. Sie waren von besserer Qualität und zeigten nicht die geringste Spur von Alter, und für Lyria ergaben sie keinen Sinn: Es sah aus, als lägen mehrere Texte übereinander. „Kann das einer von euch lesen?“ Sie reichte sie Ludwig.

Ludwig las sie, als stünde da einfach etwas geschrieben. Auf jedem Blatt stehe die Anleitung für einen Zauber, sagte er: Spare the Dying auf dem einen, Glyph of Warding auf dem anderen. Malu nahm sie ihm ab und las sie ebenfalls ohne Mühe. Lyria sah den beiden dabei zu. Zwei Leute lasen dasselbe Blatt, das für sie nur ein Durcheinander war, und der Unterschied lag allein darin, dass die beiden Magie wirken und sie nicht.

Im Bücherregal fand Ludwig nur verrottete Abschriften religiöser Texte, dazu Bücher über Anatomie und über Mechanik. Nichts, was ihnen half. Vorsichtig sollten sie trotzdem sein, sagte er, nach allem, was auf den Blättern an Fallen gezeichnet war.

Die Metalltür am Ende des Raums war nicht verriegelt, nur verschlossen. „Willst du?“, fragte Ludwig. Lyria brauchte eine Weile, dann klickte es.

Dahinter lag ein schmaler Raum mit steinernen Tischen. In den Wänden waren Nischen, und in den Nischen hingen Ketten, lang genug für eine Person. Auf den Tischen lagen Steinplatten, die unangenehm rochen. An der Stirnseite stand eine Maschine mit Flaschen daran, in denen Reste derselben dunkelroten Flüssigkeit klebten, die sie in der Truhe gefunden hatten, und überall lag Asche.

Hier hatte jemand mit Feuer gearbeitet, sagte Ludwig. Und die rote Substanz sei merkwürdiger Herkunft. Dabei beließen sie es.


Blieb die Eichentür. Wolfgang fragte, ob sie wirklich durch den stinkenden Raum müssten. Sie mussten.

Ludwig wickelte sich Stoff vor Mund und Nase und öffnete langsam. Was ihm entgegenschlug, stand so dicht im Gang, dass er einen Moment brauchte, um nicht zu würgen. Lyria machte keinen Schritt auf die Tür zu, und Malu ebenso wenig; die beiden gingen gar nicht erst mit hinein.

Dahinter lag ein Vorratsraum: Fässer, von denen man besser nicht wissen wollte, was ursprünglich darin gewesen war, Tische, Stühle, Kissen. Alles stand seit Jahrhunderten hier und war seit Jahrhunderten unberührt.

Ludwig ging die Wände ab und fand hinter den Fässern eine Nische, die jemand genutzt hatte, um etwas verschwinden zu lassen. Als er eines der Fässer beiseiteschob, gab es Geräusche von sich, die Wolfgang mit sehr deutlichem Bedauern kommentierte. In der Nische lagen vier Flaschen, eine Schriftrolle, der man wie den Blättern aus der Werkstatt kein Alter ansah, und eine Urne. Er brachte alles hinaus in den Gang, wo die beiden warteten.

Auf der Rolle stand Revivify, ein Zauber, der Tote zurückholt.

Malu nahm drei der Flaschen. Die durchsichtige sehe aus wie Wasser, sagte sie, aber wenn sie sie halte, spüre sie dieselbe Wärme wie beim Beten. Die dunkelgraue habe die Konsistenz eines Schutztranks, und zwar gegen das, was die Geister oben mit ihr gemacht hatten. Bei der weißen zögerte sie. Sie glaube, so etwas vor Jahren schon einmal gesehen zu haben, selten sei es auf jeden Fall, und ob es überhaupt ein Trank sei, könne sie nicht sagen.

Die Urne behielt Ludwig in der Hand und hielt sie ein Stück von sich weg. Sie fühlte sich an, als wäre sie voll Wasser. Magie ging von ihr aus, der Deckel ließ sich nicht abnehmen, und an ihrer Seite steckten zehn hölzerne Zapfen. Malu suchte das Ding nach einem religiösen Zeichen ab und fand keines, nur Wassersymbole, die einmal farbig gewesen sein mussten.

Also probierten sie es aus. Malu hielt den Schild hoch, Lyria stellte sich dahinter, und Ludwig zog den ersten Zapfen.

Was herauskam, war Honig, und zwar frischer.

Der zweite Zapfen gab eine grünliche Flüssigkeit, die scharf roch und in der Flasche leise zischte. Lyria fragte, ob es Gift sei. Ludwig goss einen Spritzer auf die morsche Truhe im ersten Raum, und die Truhe war daraufhin keine Truhe mehr. Säure also.

Danach kamen Wasser und Öl, von dem Ludwig ein Drittel in seine Laterne füllte. Beim fünften Zapfen schäumte es am Glas, und es roch nach Bier, was Wolfgang zum ersten Mal an diesem Abend wieder gute Laune machte. Dann Mayonnaise, Wein, Salzwasser, ein einfaches Gift und zum Schluss Essig. Wie viel sie auch herausließen, die Urne blieb gleich schwer.

Lyria behielt eine Flasche von dem Gift, Ludwig eine von der Säure, und die Urne wanderte in Wolfgangs Beutel zu allem anderen.


Vor der großen Tür legte Malu die Hand an den Riegel und suchte mit ihrer Gabe nach dem, was dahinterlag.

Da war etwas, und es war böse. Sie sagte es den anderen.

Ludwig stemmte sich gegen den Riegel, und der Riegel bewegte sich nicht. Malu half ihm, und er bewegte sich immer noch nicht. Erst als Wolfgang ihm ein Brecheisen reichte und Ludwig es unter den Riegel setzte, hob sich das Eisen, kippte und fiel krachend zu Boden. Die Tür schob sich von selbst ein Stück auf.

Dahinter lag ein kleiner, runder Raum, und in der Mitte stand die Statue einer betenden Frau. Unter ihren Augen war der Stein dunkler, in zwei schmalen Spuren bis zum Kinn.

Von diesem Raum gingen drei weitere Türen ab. Hinter der linken wurde geknurrt und geklopft. Die rechte trug Helms Handschuh. Geradeaus stand eine Tür aus Metall.

Sie nahmen die rechte.

Steile Stufen führten hinunter in einen Raum mit zwei Statuen, den Schwesterngöttinnen, und zwischen ihnen hing eine Steinplatte mit Namen und Rängen. Ringsum standen Kerzenhalter. Hier hatte man einmal an Leute gedacht, die diesen Ort gebaut hatten, und irgendwann hatte das aufgehört.

Malu fiel auf, dass die Platte nicht festsaß. Ludwig setzte Wolfgangs Brecheisen an, und die Platte kam langsam heraus. Dahinter lag eine Kammer, halb so groß wie der Raum, in dem sie standen, und sie war voller Schädel. Dazwischen standen eine Flasche Wasser, eine Robe mit Goldfäden und Räucherwerk.

Hineingepasst hätte nur Wolfgang, und Wolfgang machte keine Anstalten. Ludwig schob die Platte wieder zu.


Hinter der Metalltür führte eine Treppe im Kreis nach unten, und aus der Tiefe kam ein Geräusch, bei dem Wolfgang die Tür erst einmal wieder zuzog.

Er erklärte auch, warum: Das klinge nach Untoten.

Irgendwann mussten sie trotzdem hinunter, also öffnete Ludwig wieder, und sie stiegen hinab. Auf halbem Weg setzte Ludwig den Fuß auf eine Stufe, und die Stufe gab nach. Er zog den Fuß zurück, bevor die Stufe ganz unten war, und sah nach oben: In der Decke über ihm war eine schmale Aussparung, auf Brusthöhe des nächsten Schritts. Von weiter weg drückte er die Stufe mit der Klinge ganz hinunter, und direkt vor ihm schoss ein Pfeil herab und blieb im Stein stecken.

Sie stiegen von da an über diese Stufe hinweg.

Unten lag eine Kammer, in der früher Kerzen gemacht worden waren: Tische, Bücher, Fässer, Wachsreste, und in einer Kiste fünfundzwanzig Kerzen, die Wolfgang einsammelte. Ein Gang führte hinaus, und aus dem Gang kamen die Geräusche.

Dann hörte der Boden auf.

Der Gang endete über einer Grube, gut zwanzig Fuß tief, und darin bewegte sich etwas. Lyria ging als Erste bis an die Kante und sah hinunter. Es waren ungefähr zwanzig Untote, eingeschlossen in der Grube, und sie taten das, was sie vermutlich seit Jahrhunderten taten: gegen die Wände schlagen und kratzen, ohne Pause, ohne Ziel.

Über die Grube führten zwei schmale Pfade, einer zu einer großen Tür, einer zu einer kleineren. Beide hingen leicht zur Seite.

Lyria ging den kürzeren. Von der Kante aus hatte er breiter gewirkt, und er hing stärker zur Seite, als ihr lieb war; das ärgerte sie mehr, als es ihr Angst machte. Sie setzte die Füße so, wie man sie setzt, wenn unten etwas ist, das man nicht wecken will. Zwanzig Fuß unter ihr schlugen die Untoten weiter gegen ihre Wände und hoben nicht einen Kopf.

Auf der Hälfte sank der Stein unter ihrem Fuß weg.

Sie hatte die Falle ausgelöst, bevor sie sie überhaupt gesehen hatte. Etwas im Pfad gab nach, ein Ruck lief durch die ganze Länge, und dann wankte der schmale Steg über der Grube, mit ihr darauf. Lyria riss das Gewicht zurück, hielt die Arme ausgestreckt und stand einfach nur, weil alles andere sie hinuntergebracht hätte. Zehn Sekunden lang schwankte der Pfad unter ihr, und zehn Sekunden sind eine lange Zeit, wenn unter einem zwanzig Untote warten.

Dann hielt er. Lyria stand noch, beide Füße auf dem Stein. Erst jetzt ließ sie die Luft heraus, deutlich hörbar, und es war das Lauteste, was sie in dieser Nacht getan hatte. Unten riss das Schlagen für einen Moment ab. Dann warfen sich alle zwanzig gegen die Wand unter ihr, rissen und kratzten daran, wild und ohne Richtung, weil über ihnen etwas geatmet hatte.

Am anderen Ende öffnete sie die große Tür und rief den dreien zu, was dahinter lag: ein Gang, der nach links führte, und dahinter eine weite Halle. Links und rechts waren Metallgitter in die Wände gesetzt, und dahinter standen Särge, an die zweihundert, aus denen es klopfte. Daneben stand eine kleine Kiste mit fünf Kerzen, und auf dem Boden waren Runen mit Kreide gezogen.

Es sah aus wie der letzte Versuch von Leuten, die keine Zeit mehr hatten.

Wolfgang kam hinterher, rutschte auf dem schrägen Pfad ab, fing sich im Fallen und brauchte danach einen Moment für sich. Dann gingen die beiden vorsichtig zurück und erzählten Ludwig und Malu, was dort hinten stand.

Was ihnen das bringen sollte, wusste Ludwig nicht zu sagen. Zweihundert klopfende Särge brachten sie jedenfalls nicht weiter, und vorwärts ging es nur auf zwei Wegen: zurück nach oben und durch die dritte Tür des runden Raums, oder über den zweiten Pfad, den langen, zur kleineren Tür. Sie standen eine Weile da und redeten darüber. Der Pfad hing schräg, die Grube war zwanzig Fuß tief, und Lyria hatte auf dem kürzeren Weg schon eine Falle ausgelöst; wie viele noch im Stein lagen, wusste niemand. Am Ende lief es darauf hinaus, dass sie es tun würde. Sie war die Einzige, die auf diesem Pfad keinen Laut machte, und die Einzige, die eine Falle finden konnte, bevor sie zuschnappte.

Sie ging in die Hocke und arbeitete sich Fuß für Fuß vor, suchte den Stein ab und fand nichts. Dann trat sie hinein. Der Boden gab unter ihr nach, der Pfad ruckte, und Lyria war schneller als er: Sie verlagerte das Gewicht, fand Halt und stand wieder.

Ein paar Schritte weiter dasselbe. Diesmal wusste sie es, bevor es losging, und die zweite Falle erwischte nichts als die Luft, in der sie eben noch gestanden hatte. Die dritte sah sie, bevor ihr Fuß aufsetzte, und blieb lange genug darüber stehen, um sich die Stelle einzuprägen.

Drüben drehte sie sich zu den dreien um. „Ich glaube, wir haben jetzt alle gefunden.“

Hinter der kleinen Tür führte eine Treppe nach unten ins Dunkle. Lyria fragte, ob sie hinuntergehen solle. Wolfgang sagte nein.

Also kamen die anderen zu ihr. Wolfgang schwankte über den Pfad, als hinge sein Leben an jedem einzelnen Schritt; das tat es auch. Ludwig und Malu gingen hinüber, ohne dass unter ihnen etwas nachgab.


Was am Fuß der Treppe lag, war keine gewöhnliche Dunkelheit. Im Dunkeln sahen die anderen drei sonst genug; hier endete ihr Blick an einer schwarzen Wand, hinter der es nichts gab. Ludwig sah hindurch, weil sein Pakt ihm genau das gab, und er sah vier Untote, die unten standen und warteten.

Sie stellten sich auf, und er schickte einen Stoß dunkler Magie die Treppe hinab. Für einen Moment riss das Licht ein Loch in die Finsternis, und in dem Loch waren Gesichter, die seit langer Zeit keine mehr waren. Der Getroffene stürzte rückwärts und riss einen zweiten mit sich. Dann kamen sie.

Lyria hatte gewartet und traf den ersten, sobald er in Reichweite war. Malus heilige Flamme fiel auf ihn herab, und Wolfgangs Pfeil mit dem Spinnenschwarm dahinter machte den Rest. Der zweite bekam Ludwig zu fassen und grub ihm die Hand in die Seite. Der dritte ging auf Malu los und traf sie mitten ins Gesicht.

Wolfgang streckte den vor Malu nieder. Ludwig trat in die Dunkelheit hinein, in der nur er etwas sah, und teilte den Letzten dort mit dem Großschwert in zwei Hälften. Lyria erledigte den, der noch stand.

Danach war es still.

Lyria wollte von Ludwig wissen, ob er eine Veränderung an sich spüre und ob einer von diesen Toten als eines der Opfer zählen könnte, die sein Patron verlangte.

Ludwig schüttelte den Kopf. Gespürt hatte er nichts, bei keinem von ihnen. Wolfgang fragte, ob er die Dunkelheit da unten nicht einfach wegmachen könne, und Ludwig sagte, so funktioniere das nicht; es gebe verschiedene Arten von Dunkelheit.


Also gingen sie, wie man geht, wenn einer sieht und drei nicht.

Wolfgang saß auf Ludwigs Schultern, weil er von dort oben wenigstens hörte, was vorn passierte. Ludwig hielt Malu am Arm, Malu hielt Lyria am Arm, und so stiegen sie hinab, als Kette, mit dem einzigen Augenpaar an der Spitze, das in diesem Loch etwas taugte. Ludwig sagte alle paar Stufen an, was kam, als führte er Gäste durch sein eigenes Haus, und die Treppe nahm kein Ende.

Je tiefer sie kamen, desto älter wurden die Steine, und desto sorgfältiger waren sie gesetzt. Hier unten hatte jemand gründlich gearbeitet, so gründlich, wie man arbeitet, solange man noch glaubt, dass es reicht.


Am Ende stand eine Tür aus Stahl, und dahinter lag ein langer Raum.

In ihm stand ein großer sechseckiger Sockel, und darauf die Statue eines Priesters. Aus seinen Augen liefen schwarze Spuren übers Gesicht wie Tränen. Daneben standen drei kleinere Sockel, alle leer. An der Wand hing eine Platte, und darauf stand ein Satz.

Ludwig las ihn vor.

Ohne Ordnung, Mut und Schutz versinkt die Welt in Dunkelheit.

Links und rechts führte je eine Tür weiter. Auf der linken war ein Sarg eingelassen, auf der rechten eine Urne. Die linke stand offen.


Dahinter lag ein langer Raum, und an seinem Ende saßen Metallgitter in der Wand.

An der rechten Wand fand Ludwig ein Mosaik mit Helms Zeichen, daneben ging ein Gang ab. Durch die Gitter sahen sie in eine große Kammer: Links staken Metallspitzen in Reihen im Boden, dahinter stand eine Statue, und die Statue hielt eine sechseckige Laterne. Rechts lagen mehrere Tote, die verbrannt aussahen. Neben ihnen war eine weitere Tür, ebenfalls vergittert.

Viel mehr war nicht zu erkennen. Licht gab in dieser Kammer nur die Laterne, und die sahen sie zum ersten Mal in dieser Nacht alle vier gleich gut.

Während sie noch überlegten, kam Bewegung in einen der verbrannten Toten. Er richtete sich auf und ging auf die Laterne zu, so zielstrebig, wie es ihm möglich war. Dann setzte er den Fuß auf eine kleine Platte im Boden. Die Spitzen fuhren aus, aus der Statue schlug eine Flamme, und danach lag er wieder da, wo die anderen lagen.

Wie man an diese Laterne herankommen sollte, wusste damit noch keiner von ihnen.

Sie nahmen den Gang neben dem Mosaik, und voran ging Ludwig, weil nur er dort vorn etwas erkannte. Der Gang bog nach rechts, und eine Tür führte nach links; die gehe wohl in die Kammer mit den Spitzen, meinte Wolfgang. Ludwig ergänzte, was er dort drinnen gesehen hatte: kleine Steine und Metallstücke, in den Boden gesetzt, und wer sie berühre, löse die Flamme aus. Genau das hatte der verbrannte Tote getan.

Weiter hinten klickte es unter Ludwigs Fuß. Aus einem schmalen Schlitz in der Wand schoss ein Blitz aus weißem Licht und traf ihn frontal vor die Brust. Es brannte anders als Feuer, heller und tiefer, und Ludwig brauchte einen Moment, bis er weitergehen konnte. Malu legte ihm die Hand auf die Schulter, bis es besser wurde.

Dahinter lag eine Halle über drei Ebenen, und auf jeder standen Särge hinter Gittern, gestapelt. In manchen Särgen waren Löcher. Manche Gitter waren gebrochen, andere geschmolzen.

Weiter: ein Gang, eine Treppe hinauf, und oben wieder ein Licht, das alle vier sahen. Ludwig konnte nicht sagen, woher es kam, nur dass es durch eine Aussparung fiel und dass davor eine Druckplatte lag. Wolfgang schickte Luna hin und tastete die Nische zugleich mit Mage Hand ab. Durch Lunas Augen sahen sie darin nichts als magisches Licht. Beim Herausgehen war unten im Stein ein schmaler Schlitz zu sehen.

Das Licht war also der Köder und die Druckplatte davor die Falle.

Unten im Gang zweigten schmale Wege ab, einer rechts, einer links, am Ende noch einer rechts, und aus allen kamen dieselben Geräusche. Ludwig sah in den ersten hinein: ein kleiner Raum, an der Wand ein Untoter, und in seinen Augen leuchtete etwas Grünes.

Sie gingen zurück.


Auf dem Rückweg am Mosaik fiel Ludwig etwas auf, das ihm beim ersten Mal entgangen war: Ein Stück der Wand stand ein wenig weiter innen als der Rest.

Sie traten zurück, und Wolfgang drückte mit Mage Hand dagegen. Die Wand gab nach und schwang auf.

Dahinter lag ein Raum, in dem aus einer Fuge Wasser sickerte, ganz langsam, in ein halbrundes Becken am Boden. Am Ende des Raums stand eine Statue Torms.

Malu blieb in der Tür stehen.

Seit sie dieses Mausoleum betreten hatten, war alles kalt gewesen oder feindselig oder beides: Käfige, Ketten, Gruben, zweihundert klopfende Särge. Hier war nichts davon. Hier war Wasser, das seit Ewigkeiten in ein Becken lief, und eine Frau aus Stein, die sie kannte.

Nebenan fand Ludwig einen zweiten Raum mit einem großen Zahnrad und einem Hebel daran. Er drehte, bis es nicht weiterging, und hinter der Wand zur Rechten setzte sich etwas schwer in Bewegung. Die Gitter zur Flammenkammer standen offen.

Zurück bei Torm zündete Wolfgang die Kerzen an, die dort standen. Viel änderte das nicht, außer dass es wärmer wurde. Ludwig ging hinaus, bevor Malu zu beten begann, und sagte nichts dazu.

Malu kniete nieder. Was sie dabei spürte, breitete sich aus, in den Raum und in das Wasser, und kam zurück. Hier hatten über Jahrhunderte Leute gebetet, bevor sie hinuntergestiegen waren, und etwas davon war geblieben: keine Kraft, kein Zeichen, nur das Gefühl, dass man an diesem einen Ort sicher war.

Sie blieb länger knien, als sie vorgehabt hatte.


Dann holte Ludwig die Laterne.

Er ging durch die offenen Gitter in die Flammenkammer, leise, bis kurz vor die Reihen mit den Spitzen. Den Rest machte er mit Misty Step: Er verschwand und stand neben der Statue.

Die Laterne war ein Sechseck, und auf jeder der sechs Kanten stand Helms Zeichen. Das Licht darin war weiß und vollkommen ruhig.

Ludwig nahm sie und war wieder im Gang, bevor sich in der Kammer irgendetwas bewegte.

Sie gingen zu Torm zurück, setzten sich dort hin, wo das Wasser lief, und ruhten sich aus.