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Der Goldene Speer lag in der Stadt, nicht weit von der Kathedrale, und dorthin gingen sie: vier Abenteurer und ein alter Zwerg, der kaum mit dem Weinen aufhörte. Tekar aß, und während er aß, liefen ihm die Tränen weiter in die Suppe.

Lyria saß dabei und hielt es für vergeudete Zeit. Malu hatte diesen Mann angeschleppt, ohne jemanden zu fragen, und nun kümmerten sie sich um das Problem eines Fremden, wo sie selbst genug davon hatten. Andererseits suchte der Fremde einen Verschwundenen, und das in derselben Stadt, in der Lyria nach einer Verschwundenen suchte, deren Name in Astons Akten gestanden hatte. Wer nach dem einen fragt, bekommt vielleicht etwas über die andere zu hören. Also hörte sie zu.

Wolfgang kletterte auf die Bank gegenüber, damit er über den Tisch sehen konnte, und fragte nach einem Anhaltspunkt. Da legte Tekar den Löffel weg.

Vor zwei Tagen sei sein Sohn noch bei ihm gewesen und dann mit einer Kollegin losgezogen: erst essen in der Jagdschänke, dann in einen Laden am Rand der Stadt, weil der Junge ein Faible für Magie hat, und danach zu Kollegen in den Roten Hof.

Malu fragte nach dem Namen.

Ramo, sagte Tekar. Und damit sie nicht das Falsche suchten: Sein Sohn sei kein Zwerg, sondern ein silberner Dragonborn, so wie die Kollegin eine blonde Halbling sei, Vilgar, aus demselben Waisenhaus wie Ramo. Zwei oder drei Tage seien sie sonst in der Stadt, dann gehe es zurück nach Akin.

Von dem, was danach kam, wusste Tekar wenig, und das Wenige hatte er sich zusammengefragt. Der Wirt der Jagdschänke habe die beiden kommen und gehen sehen, mehr nicht. Ob Ramo im Roten Hof überhaupt angekommen war, wusste Tekar nicht; Ärger hatte er dort schon einmal gehabt. Vilgar fehlte ebenso, nur vermisste sie außer ihm niemand, weil es niemanden gab, der sie hätte vermissen können.

Wen er schon gefragt habe, wollte Malu wissen. Die Wachen, sagte Tekar. Die Ordnungshüter hätten mit dem Fest zu tun, und die Frau in der Kathedrale habe ihm ein Gebet versprochen und sonst nichts.

Was dieser Rote Hof sei, fragte Wolfgang. Eher ein Keller, sagte Tekar, in dem Leute einer zwielichtigen Gilde verkehren. Hinein komme, wer dazugehört; Vilgar kam hinein, weil sie dort jemanden kennt. Drei Tage sei das her.

Malu überlegte laut, wie man an einen solchen Ort überhaupt gelangen sollte, und Lyria schlug vor, es mit Malus Namen zu versuchen. Malu sah sie an, als hätte sie sich verhört. Leute würden sich geehrt fühlen, Malu Solanum in ihrem Etablissement zu haben, sagte Lyria.

Ganz ließ Malu das nicht auf sich sitzen. Der Vorschlag klang ihr zu geübt, und sie fragte nach. Lyria erklärte, dass sie öfter andere Namen benutze, und tat nicht so, als wäre daran etwas zu verbergen. Tekar, der zuhörte, fragte sie, was sie früher gemacht habe.

„Abenteurerin“, sagte Lyria. „Und… Ähnliches.“

Der Rote Hof blieb Lyrias Vorschlag, und Malu gab ein langgezogenes Ja von sich. Ludwig wandte ein, dass sie dafür erst ein Passwort bräuchten, von der Essensausgabe dagegen wüssten, wo sie liegt. Lyria schlürfte ihr Getränk leer. Also Essensausgabe.

Tekar umarmte Malu, sagte, er werde für sie beten, und blieb bei der Gilde neben der Schmiede zurück.


Wolfgang wusste, zu welchem Haus sie gingen, bevor sie dort ankamen. Sie hatten es am Morgen nach ihrer Ankunft gesehen, in einer Nebenstraße der Vorstadt, und davor eine Schlange aus Leuten, deren Wunden niemand versorgt hatte. Über der Tür hing ein runder Kreis, und der Kreis war gebrochen.

Ein Stück davor blieb er stehen. Er hatte eine Scheune gesehen, in der die Zellen bis unter das Dach gestapelt waren, und er hatte eine Hexe gesehen, die Tieren die Geister aus dem Leib zog, und beides hatte dieses Zeichen getragen. Dass er trotzdem mitging, lag daran, dass die anderen hineingingen.

Diesmal stand niemand an, und die Tür war offen. Drinnen sah es aus wie in einer Schänke, der man die Tische weggenommen hat: zwei lange Theken mit Hockern, dahinter drei Kessel und ein paar Arbeiter mit dem Kreiszeichen auf der Kleidung. Es roch nach Suppe und nach Schweiß. Die Gäste waren alt oder verletzt oder beides, und die meisten löffelten.

Ludwig und Malu gingen zur Theke, und Malu fragte eine Arbeiterin, eine Frau von etwa dreißig Jahren, nach einer blonden Halbling namens Vilgar.

Vilgar sei seit Tagen nicht gekommen, sagte die Frau, und sie hätten alle Angst, dass ihr etwas zugestoßen sei. Ob sie die Gruppe erreichen könne, falls doch jemand sie sehe? Malu nannte ihr die Gilde.

Nach ihrem Namen fragte die Frau noch, und als Malu ihn nannte, hatte sie ihn schon einmal gehört; Solanum kannte in diesem Land jeder, der schon einmal Tränke gesehen oder gekauft hatte.

Was dieses Haus eigentlich sei, wollte Malu wissen. Der Offene Kreis, sagte die Frau, für Leute in Not.

Der Offene Kreis also, ein Name, der freundlich klingt. Draußen sah Wolfgang noch einmal zu dem Zeichen über der Tür hoch. Es war dasselbe Zeichen, mit dem die Wagen der Tierfänger gefahren waren und das die Leute im Kessel auf der Kleidung getragen hatten. Zwei verschiedene Kreise waren das nicht.


Vor der Abenteurergilde verkauften Leute Kunsthandwerk auf ausgebreiteten Tüchern, dahinter übten junge Wachen mit Holzschwertern gegeneinander. Wolfgang ging an den Zeichnungen entlang und sagte dann, was ihm seit dem Zirkus im Kopf hing: Der Kenku hatte am Feuer gezeichnet, und was er gezeichnet hatte, waren mit einiger Wahrscheinlichkeit sie.

Drinnen lag ein roter Teppich, der den ganzen Raum ausfüllte, dazu Tische, eine Treppe nach oben und hinter einer Theke ein roter Dragonborn, der mit den Beinen oben auf der Theke schlief. Bei jedem Schnarchen stieß er Rauch aus. Das Holz über ihm war längst angesengt.

Ludwig ging hinüber, und der Arbeiter fuhr hoch und wollte sie sofort in die Gilde aufnehmen. Das waren sie schon. Übernachten könnten sie hier, sagte er dann: fünf Silber Gildenbeitrag pro Person, zwei Kupfer für ein Zimmer, dazu die Taverne und die Trainingsräume, und die Schlüssel gäben sie beim Gehen zurück. Dass Abenteurer eine Weile nicht zurückkommen, sei normal.

Einen Gruppennamen wollte er auch. Eigentlich sei der Pflicht.

Den hatten sie, seit Aston danach gefragt hatte. Ludwig sagte ihn, und der Arbeiter sah ihn an wie jemand, der ein Wort falsch verstanden hat, und schob ihm das Buch hin. Also schrieb Ludwig „Dreieinhalb Schleichi“ selbst hinein, und seinen Namen dazu: Ludwig Hartenheim.

Malu bat ihn noch, Bescheid zu geben, falls eine Frau nach ihr fragte. Der Arbeiter wunderte sich nur, ob das nicht der Name der Trankleute sei, zog die Schultern hoch und ging sich ein Bier holen.


Das Gebäude, in dem der Rote Hof lag, gehörte den kreativen Gilden. Draußen an der Straße standen Leute und machten Illusionen und Gesichtsbemalung für das Fest, drinnen saßen Handwerker an Tischen und stritten über Farben, und links und rechts lagen die Flügel der Schmiede und Glasbläser.

Die Treppe hinunter wurden die Wände zu Kopfsteinmauern, der Lärm von oben blieb zurück, und am Ende eines Gangs war eine Tür mit einer Schiebeklappe. Ludwig hob Wolfgang hoch, damit er klopfen konnte.

Die Klappe ging auf. „Gildennachweis oder Passwort.“

Ludwig senkte Wolfgang so weit, dass der Mann hinter der Tür das Gildenabzeichen an seinem Hut sehen konnte. Das zählte nicht. Wolfgang fing an, von einer verschwundenen Person zu reden, und die Klappe ging zu. Wolfgang klopfte noch einmal. Die Klappe ging auf und wieder zu.

Lyria schlug vor, sich unsichtbar machen zu lassen und zu warten, bis jemand das Passwort benutzte. Ludwig hatte dafür keine Magie mehr übrig. Also beschlossen er und Wolfgang, es bei dem Gildenarbeiter zu versuchen, und bestimmten, dass Malu mit Lyria draußen suchen ging.


Betrunken genug, um ein Passwort auszuplaudern, war in diesem Haus niemand. In den Gängen wurde über Farben gestritten, und nirgendwo stand jemand mit einer Flasche.

Draußen, ein Stück weiter weg von der Gilde, lehnte dann doch einer an einer Wand: schwarze Arbeitskleidung, eine Flasche in der Hand, um die dreißig, kurzes schwarzes Haar, und er kicherte vor sich hin.

Aus dem ließe sich etwas herausholen, meinte Malu. Lyria fand, Malu solle reden. Malu fand, Lyria solle reden. Das ging ein paar Mal hin und her, dann ging Lyria.

Der Mann bemerkte sie und stöhnte leise. Im Stehen fiel er beinahe in den Schlaf. Lyria fragte ihn, ob er schon einmal im Keller der Gilde gewesen sei, und er brachte keinen Satz zustande, nicht einmal den Anfang von einem.

„Hoffnungslos“, sagte sie, als sie zurückkam. Ein Abzeichen trug er auch nicht sichtbar bei sich. Vielleicht, sagte Lyria, trug er eines unsichtbar bei sich. Sie könnte noch einmal hinübergehen und nachsehen, und falls er eines hatte, könnte sie es ihm abnehmen. Merken würde er es ohnehin nicht.

„Ich sage dir jetzt nicht, was du mit ihm machen sollst“, sagte Malu.

„Was soll das heißen?“

Man könne auf weitere Betrunkene warten, sagte Malu, oder aus diesem noch etwas herausbekommen. Lyria ging zurück zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter und fragte, ob er allein sei, und während sie fragte, wanderten ihre Hände seine Seiten hinab, recht anzüglich. Sie fand ein paar Münzen und sonst nichts. Der Mann taumelte einen Schritt zurück und murmelte, dass er auf Männer stehe.

„Nur Münzen“, sagte Lyria.

Es habe interessant ausgesehen, was sie da getan habe, fand Malu. Dann schlug sie vor, die Wartezeit zu nutzen und etwas über Lyrias eigenes Problem herauszufinden.


Ludwig weckte den Gildenarbeiter zum zweiten Mal an diesem Tag, diesmal mit ein paar Tropfen Wasser, und Wolfgang saß dabei auf seinen Schultern. Sie suchten eine verschwundene Person, sagte Ludwig, dafür müssten sie in den Roten Hof, und er wolle wissen, ob der Arbeiter einen Weg hinein kenne.

Einen Weg kenne er. Passwort. Und was ihm das wert sei.

Ludwig bot zwanzig Silber. Der Arbeiter wollte sechs Gold, und damit lagen sie so weit auseinander, dass es ein Vergnügen wurde. Sie handelten über die Theke hinweg, Ludwig bewegte sich in Silber, der Arbeiter in Gold, und am Ende einigten sie sich auf fünf Gold und drei Silber. In der Gilde in Tisir hätte das als ganz normale Vereinbarung gegolten; dort hatte Ludwig gelernt, dass jede Abschrift ihren Preis hat und jeder Preis eine Mitte.

Eine Bedingung hatte der Arbeiter: kein Ärger. Er brauchte den Kontakt.

„Damit ist das Bier wieder länger finanziert“, sagte er, als er das Geld einsteckte, und ging mit ihnen los. Unterwegs schob er die Handwerker aus dem Weg, schimpfte über kreative Leute im Allgemeinen und fand, in dieses Gebäude gehöre eine Brauereigilde. Malu und Lyria hörten die drei kommen und schlossen sich an.

Vor der Tür klopfte der Arbeiter und sah den Mann hinter der Klappe schweigend an, bis der öffnete. Wolfgang erkannte er wieder. Aber die vier waren mit dem Gildenmitarbeiter, und so kamen sie hinein.


Drinnen standen wieder Tische und Stühle und eine Theke, an den Wänden hingen rote Teppiche, und das Licht kam aus magischem Feenfeuer. Aus einem Nebenraum kamen Geräusche eines eindeutigen Kalibers, und an den Tischen wurde nicht nur getrunken. Der Arbeiter warnte sie noch einmal vor Ärger und verschwand wieder. Der Türsteher starrte Wolfgang an, Wolfgang starrte zurück, und beide hielten das den ganzen Abend durch, bis Malu dazwischenging.

Hinter der Theke stand ein Erdgenasi, grau, breit, mit Ohrringen. Malu sagte ihm, dass sie jemanden suchten, einen silbernen Dragonborn.

Dass Malu schon vergeben sei, überraschte ihn, und ob Ramo mit ihr Vilgar betrüge, wollte er wissen. Dann erzählte er: Beim letzten Mal habe Ramo ein paar Gold liegen gelassen und sei mit Vilgar und zwei anderen gegangen, einem Zwerg und einem Menschen. Namen wisse er nicht. Der Mensch sei gestern noch hier gewesen. Vom Zuhause sei die Rede gewesen, wo das liege, wisse er nicht. Und wenn sie „etwas“ probieren wollten, solle sie es ihm sagen.

Sie setzten sich an einen Tisch, neben Leute, die sich berauschten, und waren sich schnell einig, dass sie mehr über diesen Zwerg und diesen Menschen brauchten. Malu ging zurück zur Theke, Ludwig mit ihr und Wolfgang gleich hinterher.

„Willkommen zurück, Süße.“ Der Wirt rieb Daumen und Finger aneinander. Malu schob ihm zwei Gold hin, und er war sichtlich zufrieden.

Der Mensch: sehr kurzes, fast abgeschnittenes dunkles Haar, Ohrringe aus Metall, nicht schön gemacht, eine Lederjacke mit einem Zeichen darauf, einem Echsenkopf, dazu enge dunkelbraune Hosen; für hübschere Kleidung reichte es offenbar nicht. Der Zwerg: kahl, der Bart bis zum Boden, fast weißes Haar, mürrisch und kräftig, in abgetragener dunkelgrauer Arbeitskleidung, die nicht zu diesem Ort passte, und er roch nach Küche.

Beide hätten zwei oder drei Getränke gekauft, mit den Verschwundenen etwas gemacht und seien dann hinausgegangen. Ob Malu wirklich nichts probieren wolle?

„Vielleicht später“, sagte Malu.

Damit hatten sie mehr, als sie erwartet hatten. Der Zwerg gehörte zur Essensausgabe, so viel stand fest; wofür der Echsenkopf auf der Jacke des Menschen stand, wusste keiner von ihnen. Offen war außerdem der Laden, in den Ramo an jenem Abend gewollt hatte. Also teilten sie sich wieder: Malu wollte hinaus, und Ludwig schlug vor, dass Lyria mit ihr ging.

Der Türsteher ließ noch eine Bemerkung in Richtung der beiden fallen. Lyria schob ihn beiseite.

„Oh, eine harte Frau“, sagte er. „Das mag ich.“

Malu nahm Lyria beim Handgelenk und zog sie nach draußen.


Zur gleichen Zeit blieben Wolfgang und Ludwig im Roten Hof. Der Türsteher ließ seinen Posten an der Tür stehen und setzte sich zu ihnen, und das Starren, das er und Wolfgang den ganzen Abend betrieben hatten, ging in ein Gespräch über. Erst wollte er wissen, ob nach diesem Abend ein neues Passwort fällig sei. Dann redete er vom Westen, wie glanzvoll der sei, und von der Hauptstadt, von der er sprach wie von einer Frau, die ihn nicht erhört hatte.

Unter der Decke stand das Feenfeuer in der Luft, zwischen den Teppichen hielt sich die Wärme des Raumes, und über allem lag Musik ohne Worte, dumpf und schnell, zu der weiter hinten längst getanzt wurde.

„Du solltest mich auf der Tanzfläche treffen“, sagte er.

„Was hält dich davon ab?“, sagte Ludwig.

Der Mann stand auf und streckte die Hand aus. Ludwig gab ihm Wolfgang. Für diesen Zweck war Wolfgang offensichtlich zu klein, also setzte der Türsteher ihn Ludwig auf die Schultern, strich sich den Schnurrbart glatt und hielt die Hand ein zweites Mal hin. Diesmal nahm Ludwig sie.

„MACHT ES!“, brüllte der Wirt hinter der Theke, und der halbe Raum brüllte mit.

Ein Wassergenasi mit einem Goblin auf den Schultern ist kein eleganter Anblick. Es funktionierte trotzdem. Ludwig ließ sich führen, fand nach zwei Takten in den Rhythmus und drehte den Mann am Ende so sauber unter dem eigenen Arm hindurch, dass die Umstehenden aufheulten. Wolfgang hielt sich mit einer Hand an Ludwigs Kopf fest, duckte sich unter den Lampen weg und fing mit der freien Hand auf, was von den Tischen geflogen kam: zwölf Silber und fünf Kupfer, die er sich noch im Takt in den Hut fallen ließ.

Als die Musik aufhörte, stand der Türsteher außer Atem da und fand, vielleicht sei er vorhin zu hart zu ihnen gewesen. Man werde sich wiedersehen, sagte er, und ließ die teuersten Getränke des Hauses an ihren Tisch bringen, umsonst.

Damian heiße er, sagte er, als Wolfgang danach fragte.


Der Laden am Rand der Stadt war ein altes, morsches Holzhaus, und je länger man es ansah, desto weniger wollte man hinein. Am Eingang hing ein Kranz aus Kräutern, Knochen und Dingen, die Lyria nicht zuordnen konnte, über der Tür hingen Schlangenzähne. Es wurde Abend, und mit dem Abend wurde es kälter.

Lyria öffnete die Tür. Die Tür quietschte und verschwand, und Lyria stand mit der Hand in der Luft, dort, wo einen Augenblick zuvor eine Klinke gewesen war. Sie senkte die Hand langsam. Dann ging sie zwei Schritte hinein, und ihr war dabei so unwohl wie seit Langem nicht.

Malu, die gesehen hatte, was die Tür getan hatte, ging an ihr vorbei nach vorn, die Hand am Schild.

Der Raum war bis unter die Decke voll, violett und pink und dunkel, und erst nach einer Weile war jemand darin zu erkennen: kurzes Haar, Narben überall, Tätowierungen. Ob Mann oder Frau, war nicht zu sagen.

„Die Frau und ihr dunkler Spiegel.“

Lyria stieß Malu leicht an. Malu sagte, sie suchten jemanden.

„Suchen wir nicht alle jemanden? Ihr sucht den verlorenen Sohn, versunken in den Wellen.“

„Wie bitte?“

Malu versuchte es sachlich: einen jungen silbernen Dragonborn, der vor ein paar Tagen hier gewesen sein müsste. Das bestätigte das Orakel. Er komme oft hierher, mit Vilgar, und gehe mit ihr wieder.

„Sie kamen, wie sie gingen: zusammen allein. Der mit dem Drachenblut ist nicht der Einzige, den ihr sucht.“

Malu sah über die Schulter zu Lyria.

„Du fühlst ihre Macht doch in deinen Fingerspitzen.“

Lyria fühlte Furcht. Malu fühlte nichts, was sie nicht schon kannte.

„Ich fühle es in meinen Fingern, einen Finger pro Kopf. Sie schreit aus der Tiefe, schreit nach Freiheit. Es ist ihr Geschenk, für die Fünf, nach denen ihr sucht.“

„Welches Geschenk?“, fragte Malu.

Das Orakel sah in nichts hinein, griff nach Malus Händen und legte sie aufeinander. Seine Hände waren sehr kalt. Lyria zog Malu ein Stück zurück.

„Eine traurige Geschichte. Es sind die fünf Köpfe, umeinander gewunden, nur ein Körper, so groß wie das Schloss der Königin. Ihre Diener dienen ihr im Schatten.“

Lyria trat neben Malu und fragte nach den beiden Verschwundenen.

„Ich kann für dich das Schicksal fragen.“

„Ja…“, sagte Lyria. „Sicher.“

„Das Geschenk, das ihr sucht, liegt verloren unter den dicken Platten des Ortes, den niemand findet unter der Stadt. Sie warten darauf, dass seine Kraft ihn ganz verlässt, um ihn vor sein Schicksal zu stellen und das Geschenkte der Königin zu überreichen. Seine Gefährtin kämpft ebenfalls im Dunkeln, allein, an einem Ort, den sie so gut kennt, um den sie so hart gekämpft hat und der doch ihr Gefängnis wurde. Die junge Frau mit dem weißen Haar steht links von Erinnerung und Hoffnung, in einer Reihe mit ihrer Art, hinter einer schwarzen Wand, durch die nur das goldene Auge scheint und ihr bei jedem Schritt folgt. Die Splitter haben sich für ein Ziel vereint, doch sie sind alle Lügner und wurden selbst belogen. Es wird ein schrecklicher Tag werden, wenn das Schicksal nicht geändert wird. Die Stadt wird in sich zusammenbrechen. Ich hoffe, ich konnte helfen, oder braucht ihr mehr aus den sich kreuzenden Welten, die wir Schicksal nennen?“

Die junge Frau mit dem weißen Haar. Lyria hörte die Flaschen nicht mehr klirren und sah die Narben nicht mehr. Mae stand seit drei Jahren in jedem Satz, den Lyria über sich selbst nicht sagte, und seit Astons Akten hatte sie auch einen Ort: Torelm, einen verschwundenen Gefangenentransport, acht Namen. Jetzt stand sie in einem Satz dieses Orakels.

„Ähm… also“, sagte Lyria. „Dieses Geschenk, von dem du geredet hast. Unter Bodenplatten – wo genau?“

„In der Mitte der Halle mit den fünf Köpfen. Der Ort, bewacht und verloren zugleich, an ihn gebunden. Grund des Daseins und des Untergangs.“

„Ich verstehe…“

„Welche Köpfe?“, fragte Malu.

„Weiß, schwarz, rot, grün, blau, goldene Augen. Man hält sie für verloren und hat sie nie vergessen. Sie bewegt sich und sucht den Weg zurück an den Ort, der ihr Untergang war. Ihre Anhänger finden langsam ihr Ende.“

„Kennst du so eine Göttin?“, fragte Lyria an Malu gewandt.

Malu brauchte einen Augenblick. Fünf Köpfe hatte sie schon einmal gesehen, nicht in einem Gebetsraum und nicht in einem Buch über die heutigen Götter, sondern weit davor: eine Drachengöttin aus einer Zeit vor den Menschen, die über die Welt und die Drachen geherrscht hatte, bis sie in die Unterwelten verbannt wurde. Warum, wusste Malu nicht. Sie wusste, dass Drachen Kriege gegen Riesen geführt hatten, so wie die Erdgötter.

„Redest du von Tiamat?“

„Die Mutter aller Drachen, gespalten von ihren eigenen Geschöpfen und gehasst vom Vater, mit dem sie die Drachen geschaffen hat.“

Bahamut, der einzige Platindrache, Herr der metallischen Drachen, für die selbstlosen und guten unter ihnen, während Tiamat für die gierigen und selbstsüchtigen stand.

„Glaubst du, das hat etwas mit dem Trauerhof zu tun?“, fragte Lyria.

„Gut möglich“, sagte Malu.

„Der Hof war der erste, den es in Torelm gab“, sagte das Orakel. „Sie kamen aus der Erde, Knochen, verfaultes Fleisch, kein Gedanke, nur Hass. Sie terrorisierten die Dörfer und töteten die Hirten. Es waren die Kleriker, die die Dörfer beschützten. Aus ihrer heiligen Aufgabe wurde die Kathedrale der Schwestern gebaut. Das Artefakt versiegelt die Gefahr, doch es ist ein fragiler Frieden. Die Vergessenen warten darauf, zurückzukommen, und das Herz der Stadt schlägt seinem achthundertsten Geburtstag entgegen, schwach wie schon lange nicht mehr.“

„Das heißt, jemand versucht, das Artefakt zu stehlen, um sie zu befreien?“

„Sie hoffen auf Großes und werden nur die Früchte ihres eigenen Untergangs ernten. Es wird große Zerstörung geben, wenn es nicht aufgehalten wird. Die Göttin sieht die Gefahr, die uns erwartet. Sie hat mit dem Schicksal geschrieben, jemanden, der das kommende Ende aufhalten könnte – doch nur, wenn die Erwählte so handelt, wie sie es ihrer Göttin dargelegt hat.“

„Wie würde das aussehen, es aufzuhalten?“, fragte Malu.

„Durch selbstloses Handeln. Arbeiten ohne Lohn. Eines wird zum anderen führen, und der Pfad der Geschichte wird richtiggestellt. Der Eingang zur Veränderung ist schon betreten, der steile Bergpfad muss nur noch gegangen werden, um die Spitze zu erreichen.“

Malu hörte das und wusste, wovon das Orakel redete. In der Kathedrale war ihr eine Gelegenheit in Aussicht gestellt worden, sich zu beweisen, und sie hatte nicht gewusst, welche. Jetzt stand eine im Raum, und es war keine, von der man sich wünscht, sie bekommen zu haben.

Eine Hand fuhr vor Lyrias Gesicht. Lyria lehnte sich zurück, die Hand zog sich zurück, und das Orakel nickte.

„Was hast du gerade gemacht?“, fragte Malu.

„Die Fäden des Schicksals laufen durch jeden von uns. Um sie zu rufen, muss man der Person nahe kommen. Kann ich noch etwas tun?“

Lyria fragte nach der Frau mit dem weißen Haar.

„Sie ist verloren, so lange schon, Jahre, dass die Gedanken sie nicht mehr erreichen. Sie lebt in der Einheit und hört auf die einzige Stimme, die ihr Kopf noch hören kann, und wartet darauf, dass das Schicksal ihr eine neue schenkt. Doch der Weg wird dunkel sein und voller Leid. Es ist der Weg, den du gehen musst, um deine Vergangenheit wieder zu erreichen. Der Weise wird dir raten, ihm nicht zu folgen, und er meint es gut. Der Weise weiß, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte, doch du solltest sein Angebot ablehnen, denn manchmal reichen die Wunden der Vergangenheit in die Gegenwart. Das goldene Auge hat dich gesehen. Es sah und es lachte. Das ist ein Umstand, der bald zutage treten wird. Das Auge sieht. Es merkt, wenn über es gesprochen wird.“

Dann begann das Orakel zu lachen, und das Lachen hatte nichts mehr von dem, was vorher in diesem Raum gewesen war.

„Ihr solltet gehen. Es kann euch sehen.“

Sie rannten. Hinter ihnen war die Tür wieder da, und dahinter wurde weiter gelacht.


Draußen war es dunkler geworden. Malu ging schnell, und Lyria ging mit.

Entweder sei die Person verrückt, sagte Lyria, oder das hier sei etwas Großes. Malu hielt das Zweite für wahrscheinlich.

Dann fragte Malu, was ihr schon im Laden gekommen war: ob Lyria glaube, dass die Frau mit dem weißen Haar die Person sei, die auch sie suchten.

Es sei wahrscheinlich ihre Anführerin, sagte Lyria. Mae. Und woher sollte dieses Orakel das wissen, wenn es nicht die Wahrheit sagte?

„Und was war das mit dem Lachen über dich?“

„Ich bin nicht sicher. Ich hatte diesen Traum, damals, als mich die Schlangenfrau gebissen hat. Ich dachte, es war einfach ein Fiebertraum, aber das goldene Auge war auch da. Ich weiß nicht, was es war, aber es war verwirrend, es war viel. Ich kann mich nicht an Einzelheiten erinnern, aber in der Wand öffnete sich ein Auge. Und da war ein Lachen.“

„Ein Lachen so wie die Person da drin?“

„Nein. Noch viel unheimlicher, definitiv nicht freundlich. Ich weiß nicht, ob es nur ein Traum war.“

„Nach allem, was gerade passiert ist, war es wahrscheinlich nicht nur ein einfacher Traum“, sagte Malu. „Aber was hat die Drachengöttin damit zu tun? Vielleicht wird der Dragonborn als Opfer festgehalten?“

„Ich weiß nicht. Ich habe auch einen bronzenen Drachen gesehen. Je länger mein Zustand damals anhielt, desto grauer wurde er. Da war eine Stadt, ich weiß nicht, ob es die Hauptstadt war. Dann war da ein Kind in seinem Maul, und die Königin war aufgespießt. Ihr wart alle auch da. Wir waren auf einem Turm, und du warst mit einer schwarzen Flüssigkeit überzogen. Ich habe das Lachen wieder gehört, und… ich weiß nicht…“

Malu blieb beinahe stehen. „Ich war mit einer schwarzen Substanz überzogen?“

„Ja. Ich wusste nicht, dass es nicht nur ein Traum war. Vielleicht war es einer… Ich dachte, es ist jetzt gut, das zu erzählen.“

„Jetzt ist es sicher gut… Ein bronzener Drache, und er hat alles zerstört?“

„Ich weiß nicht. Die Stadt lag in Trümmern, der Drache war grau, aber ich weiß nicht, ob es derselbe war. Und dann war da wieder das Auge.“

„Das Auge war in der Wand“, sagte Malu. „Und das Lachen.“ Sie zog die Schultern hoch, als wäre ihr kalt. „Ich glaube, dein Traum war viel mehr als ein Fiebertraum. Da muss es Verbindungen geben. Nur wie verbindet man das?“

„Findest du das nicht ein bisschen zu groß für uns, wenn es stimmt? Wir sind vier Personen.“

„Ja, natürlich klingt das beängstigend, und oh mein Gott, ist das eine große Aufgabe. Aber wir können eine Stadt und ihre Leute nicht einfach der Zerstörung überlassen, wenn wir helfen können. Und wenn dieses Ding uns wirklich beobachtet und tot sehen will, findet es uns sowieso.“

„Ja. Aber was können wir dagegen tun?“

„Im besten Fall gewinnen“, sagte Malu. „Im schlimmsten… sterben.“

„Ich hätte wahrscheinlich sowieso schon vor langer Zeit sterben sollen.“

„Jetzt ist die Gelegenheit, mehr zu tun.“

Lyria ging ein paar Schritte, ohne etwas zu sagen. „Ja. Du hast recht. Und… was machen wir jetzt?“

„Es bleibt nicht viel Zeit. Wir müssen es den anderen erzählen, jede Einzelheit, und so schnell wie möglich einen Plan machen.“

„Wenn sie uns überhaupt glauben. Ich bin mir sicher, es hat etwas mit dem Trauerhof zu tun.“

„Bestimmt hat es das. Für den Trauerhof braucht man einen Kleriker, also gibt es eine Verbindung. Wir müssen einen Weg finden, bevor das Fest anfängt. Für mich fühlt es sich an, als sollte Torms Artefakt gestohlen werden, um das Gleichgewicht zu zerstören.“

„Ich finde, wir sollten zu den anderen gehen und gemeinsam entscheiden.“

„Ich weiß, zwischen uns war es schwierig“, sagte Malu. „Trotzdem: Danke, dass du mir das alles anvertraust. Und dass wir gemeinsam kämpfen können.“

„Wir sind eine Gruppe“, sagte Lyria. „Wir unterstützen uns.“

Sie waren schon ein Stück gegangen, als hinter ihnen eine Tür aufschlug.

„Wartet!“

Das Orakel kam aus dem Haus gelaufen, direkt auf Malu zu. „Es war ein Schrank, in einem Haus mit zerbrochenen Fenstern. Dort war sie, die Trauergefährtin des Geschenks.“

Dann ging es zurück hinein, und die beiden gingen erschrocken weiter.


Im Roten Hof standen die anderen zwei an ihrem Tisch und sahen aus, wie man nach einem solchen Abend aussieht. Damian kam herüber, entschuldigte sich auch bei ihnen für sein Verhalten, was beide nicht einordnen konnten, und bot ihnen Getränke an.

Sie sagten nur, dass sie jetzt gehen würden. Sofort.

Das Zimmer in der Gilde war klein, die Betten schmal, und sie setzten sich hin, wo gerade Platz war. Malu fing an: Das, worauf sie in diesem Laden gestoßen seien, sei größer als gedacht.

Dann erzählten sie alles. Das Orakel habe in Rätseln gesprochen, sagte Malu, und es habe gewusst, dass sie zwei Personen suchten: ein silbernes Geschenk und eine Frau mit weißem Haar. Eine Katastrophe solle die Stadt treffen. Eine verbannte Göttin solle wieder erwachen und diese und andere Städte zerstören. Ein goldenes Auge beobachte sie und lache. Wenn niemand das Schicksal ändere, komme das Unglück sicher. Unter Steinplatten habe alles angefangen und solle alles enden. Und die blonde Frau, die mit Ramo unterwegs war, sei in einem Schrank eingeschlossen, in einem Haus mit zerbrochenen Fenstern am Stadtrand.

Lyria ergänzte, was im Trauerhof geschehen war: Tote, die aus der Erde kamen, getötete Personen und Tiere, Kleriker, die sie gebannt hatten, und die Möglichkeit, dass sie wieder erwachen.

Eine Weile sagte niemand etwas. Dann wiederholte Ludwig alles noch einmal in seinen eigenen Worten und ging davon aus, dass sie das nun auch noch retten müssten. Malu erzählte von Tiamat und Bahamut. Wann das alles passieren solle, fragte Ludwig: am Tag des Festes. In der Kathedrale der Schwestern liege das Artefakt, das das Gleichgewicht hält, sagte Malu, und sie glaube, dass es gestohlen werden soll.

Beweise wollte Ludwig trotzdem. Woher sie wüssten, dass das Orakel die Wahrheit sagt.

Es habe eine Menge über das gewusst, was die Gruppe vorhatte, sagte Lyria, ohne dass es ihm jemand gesagt hätte. Sicher sei nichts davon, aber es zu ignorieren, könne fatal sein. Dabei sah Malu sie an, und Lyria nickte und erzählte auch Wolfgang und Ludwig von dem Traum: von den Augen, von dem Lachen, von Godfrey, der darin vorgekommen war, und von allem, was das Orakel gesagt hatte und was dazu passte. Ob das eine Vision gewesen sei, fragte Ludwig. Lyria wusste es nicht.

Ludwig dankte ihr, dass sie es erzählt hatte. Dann schlug er vor, das Haus mit den zerbrochenen Fenstern zu suchen: Stimme das, stimme vermutlich auch der Rest. Malu wollte keine Zeit verlieren und erinnerte daran, dass mit dem Zirkus noch etwas offen war, auch wenn das die kleinere Gefahr sei. Und wenn sie das Haus wirklich fänden, sagte Lyria, dann müssten sie auch einen Weg finden, das andere aufzuhalten.

Kurz vor dem Ende, sagte Malu noch, sei nur noch von dem goldenen Auge die Rede gewesen, und dann habe das Lachen angefangen. Ludwig fand, man solle dem goldenen Auge aus dem Weg gehen. Malu hielt das mit dem, was sie jetzt wussten, für schwierig.

Dann nahmen sie ihre Sachen und gingen hinaus in die Nacht, zum Rand der Stadt.