Der weiße Handschuh
14 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 14
Der Morgen kam grau und kalt, und sie ritten zurück, dorthin, von wo sie in der Nacht geflohen waren.
Malu fror in ihrer Rüstung. Seit Stunden suchten sie nach einem Weg, Tulins Leiche verschwinden zu lassen, und kamen nicht weiter. Lyria wollte warten, bis der Zirkus das nächste Mal hielt, sich in den Wagen schleichen, die Tote heraustragen und irgendwo vergraben. Malu hielt dagegen. Wer sie dabei sähe, sähe vier Fremde mit einer Leiche, und danach würde niemand mehr nach einer anderen Erklärung suchen.
Lyrias weitere Vorschläge wurden nicht besser, und am Ende sprach sie davon, im Lager niemanden mehr am Leben zu lassen. Dort hörte Malu auf zu überlegen. Es werde niemand getötet, sagte sie, und sie sagte es so, dass Lyria es kein zweites Mal vorschlug. Wolfgang hatte Einwände anderer Art und erinnerte an den Goliath, der einen beladenen Wagen hochheben konnte.
Damit war nur noch der Vorschlag mit dem Feuer übrig. Ludwig stieg ab und füllte das Öl aus seiner Laterne in Wolfgangs Flasche um, damit Lyria und Wolfgang es mitnehmen konnten, wenn sich die Wege der Gruppe trennten. Dabei besprachen sie den Rest. Lyria würde sich unsichtbar an den Wagen heranschleichen und das Öl darin verteilen, Wolfgang würde den brennenden Pfeil schießen. Malu und Ludwig würden vorausreiten, und in Torelm würde Ludwig dafür sorgen, dass die Stadt über einen Tiefling aus dem Zirkus redete und nicht über vier Reisende.
An einer Gabelung trennten sie sich. Wolfgang und Lyria ritten zurück zum Lager des Zirkus, Malu und Ludwig weiter in Richtung Torelm.
Malu ritt eine Weile stumm neben Ludwig her. In Weizwasser hatte sie Torm geschworen, ehrlich zu sein und andere zu schützen, und an diesem Morgen gehörten ein Brand und eine Lüge zum Plan. Sie suchte den ganzen Weg nach einer Auslegung, mit der beides zusammenpasste, und fand keine. Zugestimmt hatte sie trotzdem, weil es wohl keine bessere Lösung gab.
Wolfgang und Lyria banden die Pferde außer Sichtweite an einen Baum und gingen im Schutz der Bäume neben der Straße weiter.
Den Rauch des Lagerfeuers sahen sie schon von Weitem über den Wipfeln. Was fehlte, war alles andere: keine Flöte, kein Gelächter, niemand, der quer durchs Lager etwas rief. Lyria kam lautlos durch den Wald. Wolfgang bemühte sich, leise zu sein, und an diesem Morgen gelang es ihm nicht; zum Glück waren sie noch weit genug entfernt, um nicht gehört zu werden.
Kurz vor dem Lager schickte er Luna zum Auskundschaften voraus.
Durch ihre Augen konnte er alles genau beobachten. Vor dem Tierwagen schob der Zwerg etwas zwischen die Stäbe. Dahinter trieb der Goliath einen Stamm in ein Fass, bis daraus etwas wurde, das einem riesigen Hammer ähnelte, und am Feuer saß der Kenku über ein paar Blättern und malte. Rosé war nirgends zu finden.
Luna flog tiefer und sah durch ein Fenster in den Wagen. Innen hingen die silbernen Glocken an ihrem Gestell, der Größe nach sortiert, und innen bewegte sich etwas, ein Schaben, ein verlagertes Gewicht, eher zu spüren als zu hören. Der Kenku hob den Kopf, sah einen Moment in ihre Richtung und malte dann weiter. Kurz darauf stand er auf, ging zum Wagen und sagte: „FERTIG.“
Aus dem Wagen antwortete Rosé und fragte ihn, ob er noch mehr davon machen könne.
Dann trat Rosé heraus, setzte sich vor die Wagentür auf den Boden und legte eine Reihe Karten vor sich aus. Er sah sie lange an, sammelte sie wieder ein, zog die Tür zu, verschloss sie und ging zum Feuer. So lange hatte er sich bei dem Wagen aufgehalten, dass die beiden kaum noch zweifelten, was darin lag.
Lyria zeigte auf das kleine Fenster an der Seite des Wagens, und Wolfgang verstand.
Er legte Stille über den Wagen und alles ringsum, sodass dort kein Laut mehr entstand. Lyria nahm den Unsichtbarkeitstrank und war von einem Moment auf den anderen nicht mehr zu sehen. Danach bewegte sich nur noch das Gras auf dem Weg zum Wagen.
Beim ersten Schlag bekam die Scheibe einen Sprung, beim zweiten einen Riss, und erst beim dritten gab sie nach. Es gab kein Klirren. Am Feuer hob niemand den Kopf.
Wolfgang schickte das Öl hinterher. Eine unsichtbare Hand trug die Flasche durch das Fenster und goss sie im Wageninneren aus. Dann zogen die beiden sich zurück, bis ein Baum zwischen ihnen und dem Lager stand.
Wolfgang legte Malacks Pfeil an und zog die Sehne durch. Er schoss. Noch im Flug wurde der Pfeil zu Feuer, und im Wagen ging das Öl in Flammen auf.
Sie rannten zu den Pferden. Niemand kam ihnen nach. Erst nach einer Weile drehte Lyria sich im Sattel um. Über der Straße standen jetzt zwei Rauchfahnen, eine dünne vom Lagerfeuer und daneben eine zweite, breiter und dunkler.
Weiter nördlich ging die Sonne auf, und die Pferde wurden langsamer.
Der Wald blieb zurück, vor Malu und Ludwig lagen Felder und ein halber Tag bis Torelm. Stefan brauchte eine Pause und die beiden auch. Sie ließen die Pferde grasen, setzten sich ins Gras, und Ludwig legte sich auf den Rücken.
Malu hatte sich seit der Nacht zurechtgelegt, was sie sagen wollte, und schwer fiel es ihr trotzdem. Sie habe nachgedacht, sagte sie, über ihn und über seinen Patron. Sie verstehe, dass niemand einen solchen Pakt schließe, der nicht in Not sei. Wegen Tulin habe sie ihn zur Rede stellen wollen und es gelassen, weil sie gesehen habe, wie sehr er den Schaden klein zu halten versuchte. Sorgen mache sie sich trotzdem, und wie sie ihm helfen könne, wisse sie nicht.
Ludwig ließ sich Zeit mit der Antwort. Als er das Schwert aufgenommen habe, sagte er, habe er nicht gewusst, worauf er sich einließ. Mit ihr habe er schon länger darüber reden wollen, weil sie sich mit solchen Dingen auskenne. Er wolle den Patron loswerden, so weit das überhaupt gehe.
Darauf musste Malu ehrlich sein. Aus einem Pakt herauszukommen sei schwer, sagte sie. Sie kenne niemanden, dem es gelungen wäre, ohne etwas dabei einzubüßen, falls es überhaupt je jemandem gelungen sei. Vielleicht könne die hohe Kirche helfen. Ob in Torelm etwas darüber stehe, wisse sie nicht, aber Bücher über Pakte und Dämonen müsse es dort geben.
Ludwig hatte selbst gelesen, dass es mehrere Personen mit Pakten gab und dass bei allen ein Gegenstand die Verbindung hielt. Bei ihm war der Gegenstand das Schwert. In jener Nacht hatte er es so weit von sich geworfen, wie er konnte, und losgeworden war er es damit nicht: Es hatte sich aufgelöst wie alles, was er aus dem Nichts zog, und er konnte es wieder erschaffen, wann immer er wollte. Malu wollte wissen, ob er wisse, was geschehe, wenn er sich den Befehlen seines Patrons widersetze.
Wissen könne er es nicht, und Ludwig schlug vor, es beim nächsten Befehl auszuprobieren. Malu lehnte ab. Sie wollte nicht zusehen, wie etwas anderes ihn lenkte, und niemand wusste, ob er sich danach zurückholen könnte. Dass die Befehle noch sehr viel schlimmer ausfallen konnten, hielten beide für wahrscheinlich. Besser sei es, sagte Malu, er lege vorher fest, bei welchem Befehl er sich wehre, egal was es koste. Dann müsse er es nicht erst in dem Moment entscheiden.
Ludwig dachte darüber nach und kam dann auf die Opfer zu sprechen, vier von Vollmond zu Vollmond. Ob dafür eine Person sterben müsse, wisse er nicht. Vielleicht zähle auch ein Tier. Er könne mit Wolfgang jagen gehen.
Ob das reichen würde, wusste keiner von beiden. Erst einmal, sagte Ludwig, sollten sie in Torelm nachsehen, ob dort etwas zu finden sei, das sie weiterbrachte.
Gegen zehn am Abend erreichten sie die Vorstadt von Torelm.
Sie war weitläufig gebaut, der Weg gepflastert, an den Häusern hingen bunte Bänder, und davor standen Blumentöpfe. Selbst zu dieser Stunde waren noch Leute unterwegs, Menschen, Zwerge und Halblinge durcheinander, und überall wurde für das Fest geschmückt, mit dem die Stadt ihr achthundertjähriges Bestehen feiern wollte.
Weil eine Unterkunft hier draußen weniger kostete, blieben sie in der Vorstadt. Auf dem Weg zur Taverne sah Malu in einer Nebenstraße ein Zeichen an einer Hauswand, das sie kannte: einen Kreis mit einer Lücke darin, offen hingemalt, als gebe es daran nichts zu verbergen. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag noch einmal hinzusehen.
Vor der Taverne prügelten sich zwei Zwerge, und ein paar Gäste tranken dabei und riefen ihnen etwas zu. Drinnen stank die Luft nach Bier und Schweiß. Der Wirt sah aus, als habe er seit Jahren zu wenig geschlafen. Frei war nur noch ein Einzelzimmer; er nahm drei Silber und schob ihnen einen leicht verrosteten Schlüssel über den Tresen. Das Zimmer war kaum größer als ein Schrank. Beide boten an, auf dem Boden zu schlafen, und am Ende legte sich Ludwig in den schmalen Gang neben dem Bett. Von unten drang bis spät Gegröle herauf.
Am Morgen war die Schankstube leer bis auf ein paar Schläfer, über die sie hinwegstiegen. Draußen stand vor dem Haus mit dem Kreis eine Schlange, und Malu brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie da sah: abgetragene Kleidung, alte Wunden, die nie jemand versorgt hatte, Kinder dazwischen. Näher an der Stadtmauer lag ein Marktplatz mit einer Quelle, mit Ständen für Essen und Schmuck und mit Leuten, die zwischen den Tischen umhergingen, als hätten sie den ganzen Tag Zeit.
Am Weg zum Tor standen die Stadthalter in Stein, elf auf jeder Seite, Menschen, Halbelfen und Dragonborn, jeder mit seinem Namen und zwei Jahreszahlen. Die ältesten reichten bis ins Jahr 200 zurück. Ein Sockel war leer, und auf ihm stand nur ein Name, Esana, und eine einzige Jahreszahl.
Ludwig ging hinter ein paar Kisten in eine Seitengasse, und wer wieder herauskam, war nicht mehr Ludwig.
Die Haut blau, die Hörner eng am Kopf, das Gesicht des Mannes, der am Lagerfeuer Bilder in den Flammen hatte entstehen lassen. Die Verwandlung kostete ihn keine Mühe. Er zog einen Kriegshammer aus dem Nichts, ließ ihn aussehen wie das Werkzeug eines Schmieds und schleifte ihn hinter sich her über das Pflaster, damit ihn auch wirklich jeder kommen hörte.
Am ersten Stand war nur der Händler, allein zwischen seinen Kisten. Ludwig schlug auf die Tischplatte. Bretter und Kisten flogen auseinander, der Mann ging zu Boden, und für ein paar Augenblicke war es auf dem ganzen Platz still.
„Ich komme hierher“, brüllte Ludwig, „und werde SO behandelt?!“
Der zweite Schlag traf den Stand daneben, an dem ein halbelfisches Mädchen wohl seiner Mutter aushalf. Das Kind schrie um Gnade.
Hinter Ludwig kam der Händler vom ersten Stand zurück, ein Zwerg, und schlug nach ihm. Die Faust traf den Kriegshammer, und er brach sich die Hand. Fluchend schrie er Ludwig hinterher, er solle gefälligst hierbleiben.
Von der Straße her kamen metallene Schritte, drei Wachen in Rüstungen, ein Ärmel weiß, der andere schwarz, Speere in den Händen. „HALT! IM NAMEN DER GERECHTIGKEIT!“, rief einer von ihnen, und gleich darauf ging eine Pfeife los.
Ludwig lief in die Seitengasse, schlug im Laufen auf die Kisten ein und ließ den Hammer verschwinden, dann das fremde Gesicht. Am anderen Ende kam er als er selbst wieder heraus, die Arme über dem Kopf, schreiend, und rannte quer über den Platz. Die Wachen stürmten an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Im Vorbeilaufen fiel ihm auf, dass sie dieselben Taschen trugen wie die Leute bei den Wagen des Gefangenentransports.
Am Tor rannten weitere Wachen an Malu vorbei, die zwischen den Standbildern stand. Zu sehen bekam sie nichts außer dem Auflauf, der sich vor dem Tor bildete, und dann Ludwig, der mit rudernden Armen auf sie zukam. Er bekam sie am Arm zu fassen, zog sie hinter die Statuen und machte sie beide unsichtbar.
Die Pfeifen hörten Wolfgang und Lyria, bevor sie die Stadt überhaupt erreicht hatten.
Auf dem Marktplatz fanden sie, was davon übrig war: zerschlagene Kisten, ein halbelfisches Mädchen, das noch immer zitterte, und einen Zwerg, der auf dem Boden saß, seine Hand hielt und auf Tieflinge schimpfte. Die Spur endete in der Seitengasse an zerbrochenen Brettern.
Über den Ohrring, mit dem sich Nachrichten über weite Strecken schicken lassen, erreichte Lyria Ludwig. Sie sollten in eine Seitengasse gehen, ließ er ausrichten. Dort standen kurz darauf Malu und Ludwig neben ihnen, aus dem Nichts, und Malu hatte Mühe, ernst zu bleiben.
Es sei gut gelaufen, sagte Ludwig. Bei ihnen auch, sagte Wolfgang. Mehr wurde auf der Straße nicht gesagt.
In der Taverne sah der Wirt noch müder aus als am Abend zuvor. Sie tranken Wasser, und an einem Tisch baute ein Mädchen von vielleicht acht Jahren Türme aus Holzklötzen und lachte jedes Mal, wenn einer umfiel. Oben im Zimmer sprachen sie weiter, und auch dort blieb jeder leise, weil die Wände dünn waren.
Lyria wollte wissen, ob auch der Stand des halbelfischen Mädchens auf Ludwigs Konto gegangen sei. Ludwig sagte, er habe nicht gesehen, dass dort ein so junges Mädchen gestanden habe.
Danach wollte Lyria sofort in die Innenstadt. Ludwig fand, man solle nicht hineinrennen, solange dort alle nach einem Tiefling suchten, und Wolfgang und Malu, die Lyrias Ungeduld seit dem Morgen ertrugen, waren derselben Meinung.
Am Nachmittag standen alle vier vor dem Haus mit dem Kreis.
Die Schlange war kürzer geworden, und es waren andere Leute als am Morgen. Lyria hätte sich das Haus von innen angesehen, doch die anderen wollten nicht, und dabei blieb es. Malu gab den Zimmerschlüssel zurück, und auf dem Markt saß noch immer der Zwerg und verband sich die Hand.
Stattdessen schlug Malu vor, sich die Standbilder anzusehen, und Lyria ging widerwillig mit. Zwischen den Sockeln fragte Malu noch einmal nach dem Namen dessen, den sie suchten. Egor Sarun, sagte Lyria, ein Ordnungshüter aus Torelm. Malu brauchte einen Moment und entschuldigte sich dann: Sie hatte die ganze Zeit geglaubt, es gehe um einen Stadthalter, und war deshalb so dringend hierhergewollt. Am Tor standen inzwischen vier Wachen. Sie musterten die vier und ließen sie durch.
Dahinter öffnete sich ein Platz, dessen Steine aquamarin schimmerten, mit zwei- und dreistöckigen Häusern in Schwarz und Weiß. Über allem thronte die Kathedrale, die man von überall in der Stadt sah. Eine sauber gezeichnete Stadtkarte zeigte ein Gericht der Ordnung, eine Handwerksgilde, eine Gilde der Zeithüter und, am Rand des Kathedralenviertels, eine Bibliothek.
Als es Mittag schlug, rollten die Glocken über die Stadt, und Malu blieb stehen. Sie spürte ihre Göttin so deutlich, als wäre sie ein Stück näher gekommen, und der Mut, der ihr seit dem Morgen gefehlt hatte, war mit einem Mal wieder da.
Die Bibliothek erinnerte alle vier an Astons Haus. Auf der Tür standen in mehreren Sprachen die Zeichen der Zeithüter, und drinnen arbeiteten Leute in hellblauen Roben mit weißen Schals auf einer erhöhten Plattform zwischen Regalen, die bis unter die Decke reichten. Wolfgang fragte nach dem Stadtarchiv und bekam zuerst eine Lesung angeboten, zu der an diesem Tag offenbar alle wollten. Als er nachhakte, leuchtete eine schmale goldene Linie auf dem Boden auf und führte sie durch die Gänge.
Lyria suchte zwischen zwei Regalen voller Stadtgeschichte nach Egor Sarun, nach dem Transport, nach irgendetwas. Sie fand nichts, und zwar nicht zu wenig, sondern gar nichts: Über die Ordnungshüter stand hier kein einziger Satz. Was mit ihnen zu tun hatte, kam nicht in diese Regale und offenbar auch sonst nirgendwohin, wo jeder es lesen konnte.
Damit war für sie an diesem Tag nichts mehr zu holen, und sie gingen Ludwigs Frage nach. Die Angestellten boten die Lesung ein zweites Mal an, dann führte die goldene Linie in den ersten Stock, zu den Büchern über Verfluchte, Teufel und Dämonen. Einer der Bände war stark beschädigt, eine unvollendete Enzyklopädie, deren Verfasser Weson hieß; der Nachname war nicht mehr zu lesen.
Das Kapitel über Dämonen las sich wie ein Tierbuch, mit Zeichnungen und nach Größe geordnet. Es begann bei Unterweltshühnern und Schattendämonen und wurde von Seite zu Seite interessanter, bis hin zu einem Wesen mit zwei Köpfen und Tentakeln, unter dem der Name Demogorgon stand. Danach kamen die Teufel, von Imps bis hinauf zu Moloch und Zariel.
Keiner von ihnen hatte etwas mit Glocken zu tun. Ludwig ging die Seiten ein zweites Mal durch und dann ein drittes, während Wolfgang neben ihm die Zeichnungen betrachtete und feststellte, dass ihm nichts davon je im Wald begegnet war.
Im neuesten der Bücher steckte ein Zettel mit Ausleihdaten. Geschrieben hatte es ein Ordnungskleriker, und es handelte von Flüchen und von Ritualen, die sie brechen sollten. Etwa drei von zehn gelangen. Verletzt wurden dabei nicht die Flüche, sondern die Betroffenen. Und wer davon betroffen war, stand dort, wurde nach Quienn gebracht.
Später am Nachmittag wollte Malu Tulin die letzte Ehre erweisen.
Der Trauerhof lag hinter einer weißen Mauer, und vor dem Tor standen zwei Wachen und ein Ordnungshüter in Splintpanzer mit einem Schild, das ihn fast verdeckte. Lyria blieb ein gutes Stück zurück und fragte leise, ob Malu da wirklich hineinwolle, so gut bewacht, wie das hier sei. Malu hatte etwas anderes erwartet, fragte aber trotzdem. Der Trauerhof sei nicht öffentlich, sagte die Wache; hinein komme nur, wer einen bestätigten Kleriker dabeihabe.
Also gingen sie weiter zur Kathedrale. Ludwig und Lyria blieben vor dem Tor, Wolfgang ging mit Malu hinein.
Über dem Tor stand Torm in schwerer Rüstung, die rechte Körperhälfte in einem Licht, das man nicht ansehen konnte. Neben ihr war eine zweite Gestalt dargestellt, um die viele Hände schwebten.
Dahinter öffnete sich eine Kuppel, unter der jeder Schritt lange nachhallte. Von der Vorhalle gingen Gebetsräume ab, einer für Primus, einer für Silvanus und, weiter hinten, einer für Malack. Davor blieb Wolfgang stehen und sagte eine Weile nichts. Malu bat ihn, den Hut abzunehmen, weil es sich so gehörte, und er nahm ihn ab.
Torms Raum stieg in Stufen an wie ein Theater, aquamarin, golden und bronzen, und auf einem schwarzen Altar lag unter schwerem Glas ein weißer rechter Handschuh. Je näher Malu kam, desto deutlicher spürte sie, was von ihm ausging.
Vor dem Altar standen ein alter Zwerg, der sich auf einen Gehstock stützte und leise schluchzte, und eine ältere Frau mit weißem, schulterlangem Haar, gekleidet wie die Angestellten in der Bibliothek, aber mit drei Schals und einer Metallkette mit Torms Zeichen. Dem Zwerg brach die Stimme. Er bat um Hilfe und fragte, ob es Helfer gebe, Paladine, Kleriker. Die Ordnungshüter hätten viel zu tun, sagte die Frau; sie werde tun, was sie könne, mehr aber nicht versprechen. Ohne ihn gehe er nicht, sagte der Zwerg, und er werde weiter beten. Wenn die Göttin es wolle, antwortete sie, werde ihm geholfen. Dann ließ sie ihn stehen und ging.
Malu und Wolfgang knieten ein Stück abseits nieder.
Malu betete für Tulin und bat um Vergebung für einen brennenden Wagen und zwei zerschlagene Marktstände. Während sie betete, wurde es still in ihr, und in diese Stille kam etwas, das sie schon einmal gespürt hatte, in Astons kleinem Gebetsraum: dass eine Gelegenheit auf sie wartete, sich zu beweisen, und dass sie sie nicht würde verstreichen lassen dürfen.
Als sie die Augen öffnete, stand der Zwerg zwischen ihr und dem Handschuh.
Sie sagte Wolfgang, dass sie noch einen Moment bleibe, stand auf und ging hinüber. Der Zwerg sah zu ihr hoch, bevor sie etwas sagen konnte. Er suche jemanden, der ihm helfen könne, sagte er, und sie sehe aus wie jemand, der dazu in der Lage sei. Reich sei er nicht, eine Belohnung bekomme er aber zusammen.
Malu fragte, wen er suche.
Seinen Sohn, sagte er. Als sie zusagte, veränderte sich sein Gesicht.
Sie nannte ihm ihren Namen, sagte, sie habe Gefährten, und führte ihn hinaus zu Ludwig und Lyria, die vor dem Tor warteten; Wolfgang begrüßte ihn freundlich. Dort erzählte er den Rest. Er heiße Tekar und sei Schmied. Alle paar Wochen komme er aus Akin hierher, um Material zu holen, und sein Sohn komme immer mit.
Lyria hörte sich alles an. Dann wollte sie wissen, warum er nicht zu den Ordnungshütern gehe. Die hätten keine Zeit für ihn gehabt, sagte Tekar. Lyria machte keinen Hehl daraus, was sie davon hielt, sich um ein weiteres Problem zu kümmern, wo sie selbst schon genug davon hatten.