Silberne Glocken
13 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 13
Das Wasser war heiß, und Malu hatte das Becken für sich allein.
Aus dem Spielzimmer drang gedämpft das Lachen der anderen herüber. Malu lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Was für ein Tag. Ein Wald, der sie hatte fressen wollen. Ein Mann namens Kalvin. Und Lyria, die in einem kleinen Büro gestanden und ihnen erzählt hatte, dass ihr Name nicht Lyria war.
Malu wusste nicht, was sie mit all dem anfangen sollte.
Später ging sie in den Gebetsraum. Es roch noch nach jemandem, der eben erst gegangen war. Sie schloss die Tür hinter sich, nahm die Tafel ihrer Göttin in die Hände und kniete nieder. Sie wollte Lyria helfen, und gleichzeitig wusste sie nicht, wie. Wie sollte eine Gruppe weitermachen, wenn eine von ihnen von der Ordnung gejagt wurde? Malu betete und hoffte auf ein Zeichen.
Eine Weile kam nichts. Dann wurde es still in ihr. Sie dachte daran, wofür sie stand: anderen zu helfen und mutig zu sein, auch wenn es gefährlich wurde. Wärme breitete sich in ihr aus, langsam, von innen nach außen, und mit ihr ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte: dass sie bald eine Gelegenheit bekommen würde, sich zu beweisen.
Als sie aufstand, waren zwanzig Minuten vergangen. Es ging ihr besser.
Lyria stand erst auf, als das Abendessen schon fast auf dem Tisch stand. Sie wusch sich das Gesicht und starrte in den Spiegel. Sie hätten mehr herausfinden müssen. Sie hätten der Kutsche folgen sollen. Und irgendwo ganz hinten in ihrem Kopf saß die Frage, ob es nicht klüger wäre, mit dem Suchen einfach aufzuhören.
Wolfgang ging mit dem Emblem, das sie im Wald gefunden hatten, in den Gebetsraum und versuchte es bei Silvanus. Silvanus hatte offenbar keine Lust auf ein Gespräch. Also versuchte er es bei Malack, und diesmal kam eine Antwort. Wolfgang spürte ihre Nähe wie einen warmen Blick, und ihn erfüllte ein tiefer, stiller Respekt.
Zum Essen holte sie ein junger Bediensteter namens Carlos ab, klein und vielleicht neunzehn, vielleicht ein Halbling. Er fand Malu und Lyria sofort. Ludwig und Wolfgang fand er im Spielzimmer, mitten in einer Partie, die sie nur sehr ungern unterbrachen.
Aston trug etwas, das man höflich als ungewöhnlich bezeichnen konnte, und Malus Blick sagte deutlich, was sie davon hielt. Elani strahlte, als sie hereinkamen, vor allem, weil sie endlich essen durfte. Aston lächelte sein schiefes Lächeln und breitete die Arme aus.
„Die Dreieinhalb Schleichi!“
Carlos verschwand, und Aston lobte sie für ihre Arbeit, und dann aßen sie wie Helden. Auf Wolfgangs Teller türmte sich das Fleisch, und Elanis Teller sah ganz ähnlich aus. Malu, Ludwig und Aston aßen gesitteter. Lyria rührte ihr Essen kaum an. Aston fragte besorgt, ob es ihr nicht schmecke, doch sie war mit ihren Gedanken woanders.
„Wohin geht ihr als Nächstes?“, fragte Aston.
Wahrscheinlich zur Gilde, lautete die Antwort, denn die Gildengebühr war fällig. Es folgte ein etwas unangenehmes Schweigen. Ludwig fragte, wie man Aston erreichen könne. Eine Botschaft, unterzeichnet mit ihrem Gruppennamen, erreiche ihn in ein paar Tagen, sagte Aston, und er werde ihnen weiter den Blutfalken schicken. Dann standen er und Elani auf und verabschiedeten sich.
Die Gruppe blieb noch eine Nacht. Malu schlug vor, in Esterin mehr über Kalvin und Lyrias Vergangenheit herauszufinden. Lyria wurde blass. Bis eine Nachricht die Hauptstadt erreichte und von dort Ordnungshüter kamen, würde es dauern, wenn überhaupt jemand kam. Aber Lyria wollte weg, und zwar so bald wie möglich.
Es klopfte an Lyrias Tür.
Lyria fuhr hoch, eine Hand am Dolch, bevor sie Malus Stimme hörte. Malu kam herein und schloss die Tür hinter sich.
„Du hast uns gesehen“, sagte Malu. „Aston und mich. In der Nacht.“
Also erzählte sie Lyria alles: wie Aston die Stadt wieder aufgebaut hatte und wie er den Anführer der Schar der Schatten dazu gebracht hatte, Esterin zu verlassen.
Lyria runzelte die Stirn. „Ausgerechnet der? Der liebt das Chaos. Und der nimmt einfach Geld und geht?“ Vielleicht war er so einer. Vielleicht auch nicht. „Glaubst du ihm?“
Malu wusste es nicht. In jener Nacht hatte Aston ehrlich gewirkt, gerade weil er ihr so viel über sich erzählt hatte. Aber Lyria war sich sicher, dass niemand so hoch aufstieg, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.
„Er hat ein Büro“, sagte Lyria langsam. „Mit Papieren. Du kennst die Namen der hohen Leute, oder? Du würdest sie erkennen.“
Vielleicht, sagte Malu. Und vielleicht gab es dort etwas über Korruption in der Ordnung. Aston würde heute Nacht bestimmt nicht in seinem Büro sitzen, meinte Malu, nicht in der ersten Nacht, in der Elani wieder zu Hause war. Lyria konnte schleichen, Malu dagegen nicht im Geringsten. Aber Ludwig konnte Leute unsichtbar machen, und Wolfgang konnte für Stille sorgen.
Lyria weckte Wolfgang, der eine Weile brauchte, um zu verstehen, was sie von ihm wollte, und dann nickte. Malu klopfte bei Ludwig. Um Mitternacht standen sie zu viert im Flur.
Ludwig ließ Malu und Lyria verschwinden, Wolfgang trank einen Unsichtbarkeitstrank, und dann schlichen drei unsichtbare Gestalten durch das schlafende Haus. Vor Astons Büro war es vollkommen still.
Zu still. Lyria beugte sich zu Wolfgang hinunter. „Was, wenn er doch drin ist?“, flüsterte sie. „Klopf.“
Wolfgang klopfte. Niemand antwortete.
Malu prüfte die Tür auf Magie, doch sie trug nicht mehr davon als der Rest des Hauses. Das Schloss hielt Lyria nicht lange auf. Wolfgang wirkte Stille über dem Schreibtisch, und Malu zog die Tür hinter ihnen zu.
Im Büro herrschte Unordnung. Bücher lagen herum, Papiere stapelten sich, in den Regalen standen vor allem religiöse Schriften. Auf dem Schreibtisch lag eine Karte der Regionen des Reiches. Lyria trat in die Stille, und plötzlich hörte sie nicht einmal mehr ihre eigenen Schritte.
Die erste Schublade war voller Papiere über die Einweihungsfeier der Prinzessin, Schreiben zwischen Aston und Leuten der Krone, nichts, was sie interessierte. In der zweiten lag nur ein einziges Buch, so dick, dass es die Schublade ganz ausfüllte. Weißes, gebleichtes Leder, das Zeichen des Primus, drei kleine Schlösser. Ein Tagebuch. Lyria spürte Magie daran und ließ es vorerst liegen.
Dann fand sie die Papiere, die Aston Kalvin gezeigt hatte.
Es waren Zusammenfassungen von Gerichtsverfahren, drei Jahre alt. Ein Gefangenentransport aus Torelm, acht Namen, acht Menschen, die spurlos verschwunden waren. Lyria las die Liste einmal, und dann noch einmal, und dann stand da der Name, nach dem sie gesucht hatte. Der Name der Anführerin ihrer alten Gruppe.
Sie las weiter, obwohl ihre Hände zitterten. Zuständig für den Transport war ein Ordnungshüter namens Egor Sarun gewesen, der sonst in Torelm arbeitete. Doch die Gefangenen hatten ihn nie erreicht. Kalvin hatte ihr Verschwinden offenbar geplant. Und unterschrieben hatte die Akte ein Richter: Aston.
In den anderen Schubladen fand sie Briefe zwischen Aston und dem Arkanen Zirkel über die pinken Kristalle. Niemand wusste, woher sie kamen. Sie verstärkten Magie und ließen sie über große Entfernungen wirken, doch dafür brauchte es mächtige Magie, und als man versucht hatte, ihre Magie abzuschneiden, war einer der Steine durchsichtig geworden. Dazu kamen Unterlagen darüber, wie man Knochen von Tieren und Monstern erhielt, und eine handgezeichnete Karte, deren Rand von Hitze gezeichnet war: Lager und Zelte, ein Dorf, ein Pfad hinauf zu Türmen und darunter das Meer.
Malu hatte sich nicht bewegt.
Irgendwann, zwischen der ersten und der zweiten Schublade, war ihr klar geworden, was sie hier eigentlich taten. Sie standen unsichtbar im Büro eines Mannes, der sie in sein Haus eingeladen, ihnen vertraut und sie reich belohnt hatte. Sie hatten sich kaum vorbereitet. Und wenn jemand hereinkam …
Malu stand da wie erstarrt.
Lyria trat aus der Stille, um nach ihr zu suchen, doch die Stille war längst verflogen.
„Wir gehen“, flüsterte Malu. „Jetzt.“
„Nicht ohne das Buch.“
„Lyria. Er vertraut uns.“
„Ich vertraue ihm nicht.“ Lyria kniete schon vor der Schublade, das Werkzeug in der Hand. „Da drin steht vielleicht alles. Sieh es dir wenigstens an.“
Malu wollte nicht, aber sie wusste, dass Lyria nicht gehen würde, bevor sie es getan hatte. „Ich sehe es mir an“, sagte sie. „Und danach gehen wir. So oder so.“
Sie hielt die Hand über das Buch und spürte Bannmagie. Den Zauber kannte sie: eine Schutzglyphe, auf jedem der drei Schlösser.
„Lass es liegen“, sagte Malu. Es klang nicht wie eine Bitte.
Lyria sagte nichts. Sie nahm das Buch in die Hände, und es verschwand, unsichtbar wie sie selbst. Einen langen Moment rührte sie sich nicht. Dann legte sie es zurück in die Schublade, schob alles an seinen Platz und ging hinaus, ohne ein Wort.
Malu hörte die Schritte und die Tür und stolperte hinterher. Das Schloss bekam sie nicht zu. Lyria kam zurück und schloss ab, mit ruhigen Fingern und einem Gesicht, das nichts verriet. In Gedanken war sie noch immer bei dem Buch.
In Wolfgangs Zimmer wurden sie wieder sichtbar. Malu zitterte am ganzen Körper und war schweißnass, und auch Lyria sah man an, dass etwas in ihr erschüttert war. Sie erzählte von den Akten, von dem Transport und von dem Namen. Von dem Tagebuch erzählte sie nichts. Wolfgang fragte Malu, was los sei, doch Malu antwortete nicht.
Am Morgen war Lyria längst reisefertig. Malu hatte keine Minute geschlafen, ihre Augen waren verquollen, und sie ritt deshalb bei Ludwig mit. Wolfgang nahm Rüdiger, Lyria Rupert und Ludwig und Malu gemeinsam Stefan. Ludwig kannte den Weg. Wolfgang bezahlte den Stall, sie verkauften eines der erbeuteten Wachpferde für zehn Gold, und Wolfgang steckte das Geld sehr zufrieden ein.
Ein letztes Mal ritten sie durch die Stadt im Krater, am See entlang, bis zum Nordtor.
Dann lag Esterin hinter ihnen.
Eine Woche Reise lag vor ihnen, über Handelswege, vorbei an dem verlassenen Haus, in dem Ludwig Lyria mit der Puppe erschreckt hatte. Lyria sah nicht einmal hin. Bauern kreuzten ihren Weg, und die Tage vergingen ruhig.
Am fünften Abend, als die Sonne unterging und die Pferde langsamer wurden, hörten sie Musik.
Es war eine Flöte, fröhlich und hell, und am Wegrand standen fünf Wagen in Rot, Violett und Gelb. Vier sahen aus wie Reisewagen, der fünfte wie ein Tiertransport. Um ein Feuer saßen fünf Leute, und Wolfgang war nicht mehr zu halten.
„Wir sind der Zirkus Schwarzrose!“, rief eine Tieflingfrau mit hellblauer Haut und einem silbrig schimmernden Kleid. Sie hieß Tulin und war die Sängerin. Neben ihr saß ein Tiefling, der ihr sehr ähnlich sah, ihr Bruder, und dazu gehörten ein Zwerg, gebaut wie eine Mauer, ein Goliath und ein kleiner Kenku mit dunkelgrauen Federn. Sie kamen aus Phirun und wollten nach Torelm, wo die Stadt ihr achthundertjähriges Bestehen feierte.
Wolfgang saß im Handumdrehen zwischen dem Goliath und dem Zwerg. Ludwig, Malu und Lyria setzten sich etwas abseits zusammen. Lyria kümmerte sich um die Pferde, und der Kenku beobachtete sie dabei unverwandt. Als sie ins Feuer sah, formten die Flammen eine Krähe und dann einen Fuchs, und erst als sie Tulins Bruder die Finger bewegen sah, begriff sie, woher die Bilder kamen.
Die Artisten wollten wissen, ob Malu eine Ritterin sei und ob Esterin noch so sei wie früher. Ob die Gruppe Rusty kennenlernen wolle, fragten sie, aber dann sei ihr Metall weg. Malu, die von Kopf bis Fuß in Metall steckte, wollte Rusty ganz sicher nicht kennenlernen. Der Zwerg holte ein Fass Bier, das er auf einem Arm trug, und Tulin sah Ludwig länger an als alle anderen. Der ganze Zirkus war sich einig, dass Ludwig zu ihnen gehörte.
Wolfgang und Ludwig tranken mehr, Lyria und Malu weniger, und bei Malu reichte trotzdem schon wenig. Hinter den Holzstäben des Tierwagens machte Rusty seltsame Geräusche. Irgendwann rutschte jemandem heraus, dass die Gruppe reich war. Der Goliath hob daraufhin beiläufig einen Wagen mit Metallbeschlägen hoch, und der Zwerg sah sich gezwungen, mitzuhalten. Er griff sich Malu und stemmte sie wieder und wieder über den Kopf. Lyria lachte Tränen, und Malu kämpfte sehr erfolgreich gegen ihren Magen.
Dann hörte Tulin auf zu spielen, und alle tanzten. Tulin tanzte um Ludwig herum, Wolfgang zeigte ihm beide Daumen, und schließlich nahm Ludwig ihre Hand. Der Goliath trommelte auf den Wagen, Wolfgang und der Zwerg sprangen ums Feuer, und Wolfgang tippte dem Goliath mit einer unsichtbaren Magierhand immer wieder auf die Schulter. Malu tanzte in ihrer Rüstung und klang dabei wie eine Rassel. Der Kenku rückte ganz nah an Lyria heran und brüllte ihr „SAUFEN!“ ins Ohr, und Lyria rutschte ein gutes Stück weiter weg.
Irgendwann setzte sich Tulin zwischen Lyria und Ludwig und redete leise mit ihm, und Ludwig starrte auf den Boden. Dann zog sie ihn am Arm. Sie wolle ihm ihr Lieblingsinstrument zeigen. Ludwig sah Lyria hilfesuchend an. Lyria nickte ihm nur zu.
Im Wagen herrschte ein fürchterliches Durcheinander, seit der Goliath ihn hochgehoben hatte. Tulin lachte, zog Ludwig hinein und nahm ein Xylophon von der Wand, ihr erstes Instrument, erzählte sie. Dann zog sie einen Vorhang beiseite. Dahinter stand ein Gestell, und daran hingen, der Größe nach sortiert, silberne Glocken.
Tulin schlug eine davon an.
Der Schmerz kam sofort. Er fuhr Ludwig in den Kopf wie ein Nagel, er taumelte, und das gute Gefühl des Abends war mit einem Schlag fort. Es wurde kalt und dunkel.
Er war woanders.
Um ihn herum war alles schwarz. Sein Großschwert hing auf seinem Rücken, und schwarzer Rauch quoll daraus hervor. Ludwig sah nach oben. Über ihm hingen Glocken aus Bronze, unzählige Glocken, und in ihnen hingen statt Klöppeln Menschen. Manche zappelten. Andere hingen einfach nur da. Von manchen tropfte Blut.
Vor ihm sammelte sich Nebel, und als er sich lichtete, saß dort Tulin, gefesselt an einen Stuhl aus Bronze, und wand sich in ihren Fesseln.
Die Glocken begannen zu schlagen, eine nach der anderen, dumpf wie ein Gong. Und mit jedem Schlag knackte es in ihrem Inneren, wo die Menschen hingen. Eine Hand legte sich auf Ludwigs Schulter. Das Schwert war nicht mehr auf seinem Rücken. Es lag in seinen Händen, und in seinen Händen flüsterte es.
„Hast du wirklich geglaubt, du könntest deinem Schicksal entkommen? Dein Schicksal war besiegelt, als du das Schwert aufgenommen hast. Ich habe viel Geduld, aber du strapazierst sie. Du lässt mir keine Wahl. Du kannst meinem Willen folgen oder nicht, das Ende wird dasselbe sein. Du kannst es nicht aufhalten.“
Um Tulin herum loderte Feuer auf.
„Töte sie!“
Ludwig wusste, dass er keine Wahl hatte. Er wusste nicht einmal, ob das hier wirklich geschah oder ob es das Bier war. Er ging auf sie zu, hob das Schwert und schlug zu. Tulins Kampf gegen die Fesseln hörte auf, und das Blut begann zu fließen.
„Sehr gut …“
Ein hellblauer Nebel stieg aus ihr auf, und aus dem Nichts griff eine dunkle Hand danach und riss ihn fort.
„Wenn du derjenige bleiben willst, der entscheidet, wer stirbt: von Vollmond zu Vollmond vier Opfer. Hör auf mich, und unsere Abmachung nützt uns beiden. Schließlich willst du das Monster finden.“
Über ihm riss sich eine Glocke los und stürzte in die Tiefe, dann die nächste und die nächste, Glocken und Körper zerschellten auf dem Boden, immer näher, bis eine direkt auf ihn fiel.
Ludwig schlug die Augen auf.
Er stand im Wagen. Vor ihm lag Tulin, und sie war tot. Wirklich tot. Das Schwert in seinen Händen fühlte sich größer an als zuvor, und in das Schwert waren kleine Zeichen geschnitten, Augen und Glocken.
Ludwig stürzte rückwärts aus dem Wagen. Er schleuderte das Schwert von sich, so weit er konnte, in die Dunkelheit.
Lyria sah es. Sie war bei ihm, bevor jemand anderes etwas bemerkte. „Sieh in den Wagen“, sagte Ludwig nur. Dann lief er zu Wolfgang, hob ihn hoch wie ein Kind und ging mit ihm davon, ohne ein Wort zu erklären.
Wolfgang sah über Ludwigs Schulter in den offenen Wagen. Lyria sah es auch. Und beide wussten: Sie mussten weg, jetzt sofort.
Lyria ging Malu holen und erfand dafür eine Ausrede. Der Kenku legte den Kopf schief und sah sie an, als hätte er jedes Wort durchschaut. Dann begann er zu weinen, mit der Stimme eines kleinen Kindes. Lyria lief schneller.
Ludwig und Wolfgang hatten die Pferde schon. Malu und Lyria sprangen auf, und sie ritten los. Hinter ihnen brüllte der Goliath. Wolfgang ließ Stille hinter ihnen niedersinken, und Ludwig hüllte den Weg in Dunkelheit. Erst als sie schon weit weg waren, hörten sie das Schreien.
Sie ritten durch den Wald und durch die Nacht, bis die Pferde nicht mehr konnten und sie selbst auch nicht. Unterwegs fragte Malu Lyria, was passiert war, und Lyria erzählte ihr, was sie wusste. Malu wurde ganz still.
Als sie endlich anhielten, erzählte Ludwig. Von der Waffe und von dem Pakt. Von den Befehlen, denen er nicht widerstehen konnte. Von den Glocken und von der Gestalt mit der Glocke.
Malu setzte sich ein kleines Stück weiter weg von ihm, fast unmerklich. Sie ließ sich alles noch einmal erzählen, langsam, Wort für Wort. Für sie klang es nach einem Dämon oder einem Teufel. Irgendwo in ihrem Gedächtnis regte sich etwas, eine alte Geschichte vielleicht, aber sie bekam es nicht zu fassen. Wolfgang überlegte, ob irgendetwas Ludwig ausgelöst hatte. Die Glocken, sagte Ludwig.
Nach Torelm wollte außer Lyria jetzt niemand mehr.
Aber einfach verschwinden konnten sie auch nicht. Tulin lag in diesem Wagen, und der ganze Zirkus hatte gesehen, mit wem sie zuletzt gegangen war. Die Gruppe beriet lange und fand kaum eine Idee, die gut war, und keine, die Malus Eid nicht auf eine harte Probe stellte.
Schließlich machten sie sich langsam auf den Weg zurück, dem fernen Feuerschein des Zirkus entgegen.