Ein Name aus der Vergangenheit
9 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 12
Der Himmel öffnete sich, kaum dass sie losgeritten waren.
Ludwig und Wolfgang ritten vorneweg, Elani in der Mitte, dahinter Lyria mit den Zwillingen und am Ende Malu. Aus dem Regen wurde ein Schütten, aus dem Schütten ein Gewitter. Nach Stunden ließen sie die Felder hinter sich und ritten in den Wald, und diesmal nahmen sie den richtigen Weg: einen alten Pfad mit rostigen Laternen, den sich der Wald Stück für Stück zurückholte. Die Pferde sanken bei jedem Schritt in den Schlamm.
Ludwig hatte aus unerfindlichen Gründen warmes Wasser dabei. Elani fror, und bald machten die ersten Witze über Feuergenasi im Regen die Runde. Als die Ranken den Pfad wieder überwucherten und Wolfgang voranging, um einen Weg zu finden, schlug Elani vor, den Wald einfach anzuzünden.
Niemand war ganz sicher, ob sie scherzte.
Dann erschienen die Lichter.
Sie tanzten zwischen den Stämmen, ein Stück vom Weg entfernt. Wolfgang folgte ihnen ein paar Schritte und betete zu Silvanus, doch es kam keine Antwort. Als er sich umdrehte und zu den anderen zurückging, waren es plötzlich vier.
Malu schloss die Augen und betete. Was sie spürte, ließ sie frösteln. Der Wald war verzweifelt, und irgendwo vor ihnen lauerte Gefahr.
Sie folgten den Lichtern, die verschwanden und wieder auftauchten. Der Regen ließ nach, und mit ihm verstummten die Vögel. Die Bäume wurden weniger, die Blumen mehr, und die Pferde schritten plötzlich kräftiger aus, als zöge sie etwas an. Am Weg lagen ausgerissene Wurzeln, viel zu klein und zerfressen, voller Löcher. Immer mehr Bäume standen tot und grau zwischen den lebenden.
Es ging bergab.
Mitten auf braunem, verdorrtem Gras stand eine Blütenknospe, halb so groß wie ein Baum.
Sie war schön. Ihre Blätter waren so vollkommen, dass es wehtat, sie anzusehen, zu vollkommen, um natürlich zu sein. Licht waberte um sie, und die Blumen ringsum hatten ihre Köpfe der Gruppe zugewandt und starrten.
Lyria hörte auf zu denken. Vor ihren Augen blühten Farben auf, für die es keine Namen gab, und sie wollte nichts auf der Welt, als näher heranzugehen.
„Wir kämpfen jetzt aber nicht gegen eine Blume, oder?“, fragte jemand.
Die Blume nahm ihnen die Antwort ab.
Eine stachelige Ranke schoss aus dem Boden, packte Wolfgang und zerrte ihn auf die Knospe zu. Eine zweite Ranke, über und über mit Blüten bedeckt, hob Malu in die Luft und begann, ihre Rüstung mit Blumen zu überziehen. Elani setzte die blühende Ranke in Brand. Malu fiel, und Elani war im selben Augenblick verschwunden. Ludwig hieb Wolfgang frei, doch schon griff eine zweite blühende Ranke nach Wolfgang und hüllte ihn in Blüten.
Dann erwischte die stachelige Ranke Ludwig.
Sie schleifte ihn über das braune Gras, den ganzen Weg bis zur Knospe, und dort blieb er am Boden kleben, als hätte der Boden selbst ihn gepackt. Ludwig spürte, wie das Leben aus ihm floss. Er war sehr nah daran, einfach loszulassen.
Alles, was die Gruppe hatte, traf die Knospe. Elani tauchte wieder auf und hackte zusammen mit Lyria, die zu sich gekommen war, auf die Ranke ein, bis Wolfgang frei war. Und dann legte Lyria die Armbrust an und zielte.
Der Bolzen traf. Die Knospe platzte mit einem nassen Geräusch und bespritzte Ludwig mit einer zähen, seltsamen Masse, und auf ihn regneten welke Blätter. Wolfgang war als Erster bei ihm.
Wo die Knospe gestanden hatte, sah Ludwig einen tiefschwarzen Baumstumpf und Knochen. Die Blüte verlor alle Farbe und zerfiel innerhalb weniger Atemzüge zu Staub. Der Stumpf dagegen begann sich zu verändern. Farbe kehrte in das schwarze Holz zurück, als würde es aufatmen, und etwas löste sich von ihm und fiel ins Gras. Ein Emblem, grün schimmernd, mit dem Pfotenzeichen des Silvanus.
Keiner von ihnen wusste mehr, aus welcher Richtung sie gekommen waren. Wolfgang faltete die Hände und betete noch einmal zu Silvanus, und diesmal klopfte er an die richtige Tür. Vor seinen Füßen erschienen Hirschspuren im Boden, klar und frisch, und niemand außer ihm konnte sie sehen.
Sie folgten ihnen auf einem Weg, der sich plötzlich freundlich anfühlte, bis der Hauptpfad vor ihnen lag.
Bei einer Rast sammelte Ludwig Regenwasser und wusch sich den Schleim aus Haaren und Kleidern. Dann wusch er Wolfgang gleich mit, so gründlich, dass der Wasserschwall ihn glatt umwarf. Elani fror noch immer.
Lyria wollte wissen, wie Elani eigentlich gefasst worden war.
„Sie haben mich einfach angehalten“, sagte Elani. Ordnungshüter, ohne Grund, soweit sie das sehen konnte. Sie hätten ihr ihre Vergangenheit vorgehalten, sie festgenommen und vor einen Richter gebracht. „Und ihr? Wie seid ihr an diese Sache gekommen?“
Alle sahen Malu an.
„Aston hat uns geschrieben“, sagte Malu.
Elani musterte die Gruppe mit neuem Interesse. „Und wie heißt ihr?“
Schweigen.
„Ihr habt keinen Namen?“ Elani lachte. Sie hielt sie für ziemlich gute Anfänger, sagte sie, und Ludwig widersprach mit Nachdruck.
Wolfgang wollte wissen, ob Elani sich unsichtbar machen könne. Für etwa eine Minute, sagte sie. Es gebe geheime Eingänge, und die normalen Wachen seien Aston treu. Sie verabredeten, dass Elani im Notfall einen Unsichtbarkeitstrank bekommen würde.
Dann kam das Gespräch auf das, was nach diesem Abenteuer kommen könnte, und auf die Kugel aus dem Heiligtum. Ob sie wirklich keine Ahnung hätten, wo sie suchen sollten, fragte Elani, und warf Lyria einen Blick zu: Lyria würde „die“ doch sicher kennen. Vom Gebrochenen Kreis dagegen hatte Elani noch nie gehört. Und der Stadthalter vor Aston? Elani zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich habe er sich zu Tode getrunken.
Die Höhle war dieselbe wie auf dem Hinweg, und dann tauchten Esterins Mauern aus dem Dunst. Die Frau am Tor hob schon die Hand, um Zoll zu verlangen, dann sah sie Elani und ließ die Hand wieder sinken.
In Astons Arbeitszimmer ging Elani einfach hinein, ohne anzuklopfen. Aston saß dort mit einem vornehm gekleideten Mann, der das Emblem der Ordnung auf der Brust trug. Er sprang auf, und dann hielt er seine Frau in den Armen und küsste sie, und für einen Moment war der Stadthalter von Esterin nur ein Mann, der sehr lange auf jemanden gewartet hatte.
Lyria sah nichts davon.
Sie sah den Fremden an, und mit einem Mal war sie nicht mehr in diesem Zimmer. Sie stand in einem alten, verfallenden Keller, und vor ihr stand derselbe Mann mit einem Bündel Papiere in der Hand. Sie nickten einander zu. Er ging. Dann war sie zurück, und ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, alle müssten es hören.
Der Mann sah sie an, etwas zu lange. Aber er sagte nichts.
„Und wer ist das?“, fragte Elani.
Er verbeugte sich. „Kalvin Arvan. Ordnungsvermittler.“
Aston stellte die Gruppe vor. Kalvin bat darum, zu Ende zu bringen, worüber sie gesprochen hatten, doch Aston hatte vorher noch eine Bitte, eine große. Schließlich, sagte er freundlich, habe er Kalvin früher auch geholfen. Dann zog er ein paar Papiere hervor und fragte, ob Kalvin sie kenne.
Kalvin kannte sie. Man sah es ihm an.
Aston erpresste ihn nur ein ganz kleines bisschen. Am Ende versprach Kalvin, dass niemand je von den verlorenen Wagen erfahren werde, und er sah dabei aus, als hätte er in etwas sehr Saures gebissen. Bevor er ging, blieb sein Blick noch einmal an Lyria hängen, als wolle er sichergehen.
Lyria starrte zurück, bis sich die Tür hinter ihm schloss.
Sie erzählten Aston alles. Ein Bediensteter führte die Zwillinge fort, und Elani verschwand in ein heißes Bad. Dann ließ Aston eine Platte mit Gegenständen hereintragen, und jeder bekam einen Sack Gold und durfte wählen: einen großen Gegenstand oder zwei kleine.
Da lagen ein Umhang, der sich mit einem Wimpernschlag in roten Seidenstoff verwandelte, eine Glocke, die nur hören konnte, wer mit ihr verbunden war, und ein Amulett voller winziger Zahnräder, das Unsicherheiten leichter machte. Ein Ohrring, mit dem man jedem, den man kannte, über jede Entfernung Nachrichten schicken konnte. Ein Fläschchen pinkes Parfum, ein Geldbeutel, in dem angeblich Zettel mit der Zukunft erschienen, ein Trinkgefäß, das nie leer wurde, und ein rotes Armband voller Feuer.
Wolfgang ließ den anderen natürlich den Vortritt. Am Ende nahm er den Ohrring und das Parfum. Er und Malu gaben den Antimagiezirkel und die Drachenpfeile zurück.
Aston lud sie zum Festmahl ein. Er bemerkte, wie blass Lyria war, sagte aber nichts dazu. Stattdessen lehnte er sich zurück und fragte, wie sich die Gruppe eigentlich nenne.
Es folgte ein sehr langes „Äääähhh“.
Und dann hatten sie einen Namen: Dreieinhalb Schleichi.
Aston war begeistert.
Malu wollte allen eigentlich vom Spielzimmer erzählen, das sie entdeckt hatte und das gerade eindeutig das Wichtigste auf der Welt war. Doch Lyria stand in der Tür und sagte, sie müsse ihnen etwas erzählen. Sie gingen in ein leeres Büro, und Lyria schloss die Tür.
Dann erzählte sie.
Früher, in der Unterwelt, hatte sie für die Ordnung gearbeitet. Kalvin hatte ihr die Aufträge gegeben: Menschen mit bösen Absichten zu töten, Mörder, Diebe und dergleichen. Sie und ihre Gruppe hatten sie erledigt, einen nach dem anderen. Sie hatten oft Aufträge von der Ordnung angenommen, und nichts daran war ihnen seltsam vorgekommen.
Aber die Ordnung hatte gelogen. Was die Ziele angeblich getan hatten, stimmte nicht, denn in der Ordnung gab es Korruption. Und am selben Tag, an dem Lyrias Gruppe einen Auftrag ausgeführt hatte, kam die Ordnung zu ihnen und löschte sie aus. Alle. Nur Lyria nicht, weil sie zufällig in einem anderen Raum gewesen war.
Das war etwas mehr als drei Jahre her. Seitdem war sie auf der Flucht. Bis heute hatte niemand gewusst, dass sie noch lebte, und dann war ausgerechnet Kalvin in diesem Zimmer gewesen. Was die Lage damals so schnell hatte eskalieren lassen, wusste sie nicht. Ob man sie absichtlich am Leben gelassen hatte, oder ob in diesem Moment schon jemand nach ihr suchte, wusste sie auch nicht.
„Mein richtiger Name“, sagte sie, „ist Elariel Thalanor.“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann redeten sie, leise und lange. Sie sollten Esterin nicht zu lange bleiben und die Stadt bald über einen geheimen Ausgang verlassen. Vielleicht wusste Aston etwas über damals, oder er hatte Unterlagen über ähnliche Fälle. Natürlich wollte Lyria wissen, was geschehen war. Aber jede Frage, die sie stellten, konnte gefährlich werden.
Zum ersten Mal hatte Lyria ihnen etwas anvertraut, das sie nicht wieder zurücknehmen konnte.
Eines war sicher: Kalvin würde eine Nachricht schicken. Wenn sie wissen wollten, was darin stand, mussten sie ihn finden.
Aston empfahl ihnen die See-Taverne mit ihrem schönen Blick auf den See. Ludwig zeichnete eine Skizze der Stadt, und auf Malus und Lyrias Bitte markierte Aston darauf noch eine vornehmere Adresse, das Goldene Wappen.
In der See-Taverne herrschte gute Laune, doch von Kalvin keine Spur. Wolfgang und Ludwig gingen mit dem Ohrring hinein und bestellten Bier, während Malu und Lyria die Straßen nach seiner Kutsche absuchten. Unterwegs fragte Malu, wie Kalvin damals an Lyrias Gruppe gekommen sei. Sie hätten oft für die Ordnung gearbeitet, sagte Lyria. Es sei ihnen nicht verdächtig vorgekommen.
Auch vor dem Goldenen Wappen stand keine Kutsche.
Also schickte Wolfgang Luna los, und Luna fand sie: am Vogelturm. Sie nahm Witterung auf, flog auf den Turm, fand unter all den Botenvögeln den richtigen, gönnte sich dabei einen kleinen Snack und kam mit der Nachricht zurück.
Es waren mehrere Seiten, adressiert an Ernst Orkal, den zuständigen Richter der Region. Sie berichteten von Problemen weiter im Süden. Und ganz am Ende stand eine halbe Seite über einen verlorenen Konvoi, voller falscher Angaben. Kalvin hatte Wort gehalten. Er vertuschte, was mit den Wagen geschehen war, und wenn diese Nachricht nicht ankam, würde die Vertuschung auffliegen, und Aston hätte ein Problem.
Sie sahen sich an. Dann traten sie den Gang der Schande an.
Im Vogelturm saßen Angestellte an einem runden Tisch und falteten Briefe. Lyria gab die Nachricht ab, und sie gingen, so unauffällig, wie vier Leute gehen können, die gerade etwas zurückbringen, das sie nie hätten haben dürfen.
Danach ging Malu baden. Ludwig, Lyria und Wolfgang gingen ins Spielzimmer.
Draußen lag Esterin still um seinen dunklen See, und irgendwo war Kalvin Arvan unterwegs und dachte vielleicht an ein Gesicht, das er für tot gehalten hatte.
Fortsetzung folgt.