Der Gefangenentransport
7 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 11
Aston übergab ihnen den Antimagiezirkel ganz oben in seinem Arbeitszimmer. Malu nahm ihn an sich, und Ludwig sah ihm nach wie einem Hund, der mit jemand anderem spazieren geht. Dazu bekamen sie Pferde. Bis Treistädt waren es zwei Tage.
Hinter Esterin führte die Straße an einem Höhleneingang vorbei, und danach war die Welt eine andere. Die Luft wurde schwer und feucht, Bäume drängten sich an den Weg, Büsche und Farne wucherten über alles, was einmal ein Pfad gewesen war, und die Zäune hörten irgendwann einfach auf. Die Pferde hassten jeden Schritt. Wolfgang blieb als Einziger trocken, weil Ludwig das Wasser von ihm fernhielt, und er gab sich keine Mühe, darüber nicht zufrieden auszusehen.
An einem hölzernen Schrein mit dem Pfotenzeichen des Silvanus schlugen sie ihr Lager auf. Silvanus, der Gott der Natur. Malacks Vater.
Malu kniete vor dem Schrein und betete zu ihrer Göttin. Wärme stieg in ihr auf, mehr als sonst, und sie strömte aus ihr hinaus in den Wald. Über ihnen begannen sich die Bäume zu neigen, langsam, Ast um Ast, bis sie ein Dach bildeten, durch das kein Tropfen mehr fiel.
Wolfgang sah nach oben und dann auf den Unterschlupf, den er gerade hatte bauen wollen. „Na gut“, sagte er.
Lyria hielt Wache. Außer ein paar Tieren, die sich vor dem Regen versteckten, bewegte sich nichts.
Noch vor der Dämmerung ritten sie weiter, und der Wald beobachtete sie.
Wolfgang bemerkte es zuerst. Die Blumen am Wegrand drehten ihre Köpfe mit ihnen, als sähen sie ihnen nach. Dann spürte Ludwig, wie der Boden unter jedem Regentropfen vibrierte, und direkt vor ihnen schob sich ein Schildkrötenkopf aus der Erde, sah sie mit uralten Augen an und verschwand wieder.
Vor ihnen lag ein Fluss, tief und moosig und voller Leben. Ludwig schickte eine Welle hinein, um seine Breite zu messen: fünfundvierzig Fuß. Er drängte das Wasser ein wenig zurück und stieg vorsichtig hinein. Es ging gut. Wolfgang wollte mit seinem Pferd folgen, doch Rüdiger stemmte die Hufe in den Schlamm und dachte gar nicht daran.
Malu sah ein Seerosenblatt, das gegen die Strömung trieb. Als sie ein paar Blätter von einem Busch schnitt, um Rüdiger zu locken, wuchsen sie nach, noch während sie hinsah.
Im trüben Wasser bewegte sich etwas Dunkles. Ludwig schob das Wasser beiseite, und darunter lag eine gewaltige Schildkröte, von Algen überwuchert. Sie schnappte nach ihm. Ludwig verschwand in einem Nebelschritt und tauchte am Ufer wieder auf.
Die Schildkröte starrte die Gruppe an. Wolfgang warf ein paar Blätter zur Seite, und sie trottete hinüber, alles andere als begeistert. Also warf er eine Ration hinterher, und diesmal fraß sie. Von ihrem Panzer krabbelten drei kleine Schildkröten und fraßen mit.
„Oh“, sagte Malu leise.
Ludwig lockte die Pferde mit Blättern durchs Wasser, Lyria half ihm, und selbst Rüdiger ließ sich schließlich überzeugen. Als alle drüben waren, schwammen die Schildkröten satt und zufrieden davon.
Luna stieg auf, doch überall war nur Grün. Das Ende des Waldes konnte nicht mehr weit sein.
Da schlang sich eine Ranke um Malus Hand. Malu riss sich los, doch um sie herum begann der Boden zu rascheln, und überall bewegten sich die Ranken. Sie wickelten sich um die Beine eines Pferdes und hielten es fest. Lyria hieb die erste durch, Ludwig die zweite, Wolfgang die dritte. Dann hatten die Ranken Wolfgang selbst, und Lyria riss sich im letzten Moment frei. Das verletzte Pferd preschte davon, Wolfgang und Ludwig hinterher.
Den Rest des Weges gingen sie zu Fuß und führten die Pferde am Zügel, und die Blumen sahen ihnen nach, bis sie endlich aus den Bäumen traten.
Auf einem Kiesweg kreuzten immer wieder Menschen in bunten Gewändern ihren Weg. An einer kleinen Stätte mit einem Becken voller Münzen prangte überall das Pfotenzeichen, und Malu spürte eine religiöse Kraft, so stark, dass sie kurz stehen blieb. Der Fluss mündete in einen großen See, und am Ufer ragten gewaltige Obelisken auf, dem Wasser zugewandt. Drei Pilger in bunter Kleidung knieten dort und beteten.
Bis Treistädt kamen sie nicht.
Vier Wagen tauchten vor ihnen auf, aus altem Holz, mit dem Wappen Eternas an der Seite. Die hinteren drei waren breiter, zwei von ihnen trugen eine Plattform für einen Ausguck, und auf dem Dach des Wagens ohne Plattform saß ein Wächter, der unruhig hin und her rutschte, weil das Metall unter ihm immer heißer wurde. Manche Wachen trugen bunte Pilgergewänder über ihren Rüstungen, und auf den Rüstungen prangten das Zeichen des Primus und das der Göttin der Heilkunst.
Malu spürte Magie, von den Menschen und aus den Wagen, am stärksten aus dem ersten. Die Gruppe ritt vorbei, als wären sie selbst nur Reisende, und Malu reichte Lyria unauffällig den Beutel mit den Schlafsporen.
Zwei Stunden lang folgten sie dem Transport, bis er an einer Baumgruppe rastete. Zwölf Wachen, zählte Lyria, und die meisten sahen aus, als würden sie im Stehen einschlafen. Nur die Ordnungshüter wirkten, als könne sie nichts auf der Welt ermüden. In jeden Gefangenenwagen stieg eine Wache, Schlösser gab es keine. Eine Heilerin legte einem der Männer die Hand auf, und er dankte ihr. Nach einer Dreiviertelstunde ging es weiter, die Wagen in neuer Reihenfolge. Wolfgang rupfte derweil Gras für die Pferde.
Am Abend schlugen die Wachen ihr Lager unter Bäumen auf, mit einem Lagerfeuer und zwei Zelten. Sie kochten gemeinsam, dann verschwanden fast alle in den Zelten. Draußen blieben zwei gewöhnliche Wachen und eine Ordnungshüterin, die an jedem Wagen eine Fackel aufstellte.
Elani war im zweiten Wagen.
Lyria wartete im Schatten am dritten Wagen, Wolfgang am zweiten. Die Fackeln knisterten. Irgendwo schnarchte jemand.
Die Ordnungshüterin kam um die Ecke. Lyria blies ihr die Sporen ins Gesicht, und die Frau sank lautlos in sich zusammen, als hätte jemand die Fäden durchgeschnitten. Wolfgang knotete die Seile an beide Wagen. Dann holten sie die Pferde. Wolfgang hatte seine Tiere sofort im Griff, Lyrias Pferd dagegen tänzelte und scheute, bis Wolfgang auch das übernahm.
Die Wagen setzten sich in Bewegung.
Hinter ihnen schrie jemand. Ein Speer zischte heran und verfehlte Wolfgang so knapp, dass er den Luftzug im Nacken spürte. Die Gruppe trieb die übrigen Pferde des Lagers auseinander, und Lyria warf eine Rauchbombe, die das ganze Lager in grauen Nebel hüllte.
Es lief alles nach Plan.
Bis ein Ordnungshüter einen zweiten packte und die beiden miteinander verschmolzen.
Wo eben noch zwei Gestalten gewesen waren, stand für einen Herzschlag reines, weißes Licht. Dann schoss es als Blitz über die Lichtung und schlug in Lyrias Wagen ein. Lyria sprang auf eines der Zugpferde und kappte das Seil. Mit einem Dolchwurf traf sie das andere Pferd, und der Wagen krachte zur Seite und blieb liegen.
„Fall!“, brüllte ein Ordnungshüter einem der fliehenden Pferde entgegen, mit einer Stimme, der man eigentlich gehorchen musste.
Das Pferd dachte gar nicht daran. Es rannte einfach weiter.
Ein leuchtendes Geschoss sirrte an ihnen vorbei ins Dunkel. Dann lag das Lager hinter ihnen, und nur noch die Hufe und das Rattern des einen Wagens waren zu hören.
Erst als nichts mehr von den Fackeln zu sehen war, hielten sie an.
Malu stieg ab und wollte die Wagentür einfach öffnen, und der ganze Wagen leuchtete grellweiß auf. Also nahm sie den Antimagiezirkel. Doch ihr Herz raste noch vom Ritt, und der Stein spürte es. Er zog an ihrer Magie, das Licht flackerte gelb und weiß, der Wagen begann zu beben, und dann erlosch alles. Malu ließ die Hände sinken.
„Lass mich“, sagte Ludwig.
Er kniete sich vor den Zirkel, schloss die Augen und rief nur das Wasser. Blaues Licht blitzte auf und wurde weiß, ruhig und stetig, und es funktionierte besser, als irgendjemand erwartet hatte. Malu zog an der Tür. Sie ging auf.
Drinnen saß eine Frau mit grauer Haut und rotem Haar, eine Wunde an der Schläfe, und sah die Gruppe an, als wären sie eine besonders merkwürdige Art von Traum.
Elani.
Lyria kletterte an ihr vorbei zu den beiden anderen Gefangenen und machte sich an deren Schlössern zu schaffen. Einmal glitt ihr Werkzeug ab, zweimal. Ludwig musste den Zirkel absetzen und neu beginnen, und endlich sprangen die Schlösser auf. Elani brauchte keine Hilfe. Sie legte die Hände um ihre Ketten, und das Metall wurde erst rot und dann weich.
Die beiden anderen, zwei Zwillinge, waren nicht sicher, ob es klug war, ausgerechnet zu Aston zu gehen. Aber zurück konnten sie auch nicht.
Luna fand einen See, und sie nahmen einen Umweg zurück zur Wasserstelle. Dort spannten sie die Pferde ab und schoben den Wagen gemeinsam ins Wasser. Er blieb auf halbem Weg stecken. Ludwig versuchte, das Wasser zu Hilfe zu rufen, und das Wasser half nicht. Elani sah sich das eine Weile an, dann legte sie eine Hand an das Holz.
Der Wagen brannte hell und schnell, und sein Licht tanzte auf dem See.
Sie ritten weiter. Unterwegs lösten Ludwig und Wolfgang mit dem Zirkel auch die Handschellen der Zwillinge, die sich zu zweit auf Lyrias Pferd drängten. Malu nahm den Zirkel wieder an sich. Und irgendwo hinter ihnen fielen die letzten Funken des Wagens ins Wasser.