Das Haus war zu groß für die Nacht.

Die Gruppe hatte Aston noch suchen wollen, um ihm ihre Fragen zu stellen, doch in den langen Fluren hallten nur vereinzelte Schritte, und irgendwann gaben sie auf. Alle gingen schlafen. Nur Malu fand keine Ruhe.

Immer wieder schreckte sie hoch, mit einem unguten Gefühl in der Brust, das sie an die Drachenhöhle erinnerte. Irgendwo auf ihrem Stockwerk ging eine Tür auf und wieder zu, Schritte entfernten sich. Malu stand auf und schlich hinaus, ohne Rüstung und leider auch ohne jedes Talent fürs Schleichen. Die Dielen knarrten unter jedem ihrer Schritte. Irgendwo stellte jemand etwas Metallisches ab, und am Ende des Flurs, im Gebetsraum, brannte Licht.

Dort saß Aston auf einem Kissen und betete mit seiner Tafel zu Primus. Neben ihm lag ein zweites Kissen, leer. Der Raum glomm in einem weißen Schimmer. Vor ihm lag ein Bild von ihm und einer Frau mit grauer Haut, rotem Haar und einem dunklen Streifen über dem Gesicht, einen Kopf kleiner als er, in Halbplatte und mit einem verschmitzten Lächeln. In einer Schale daneben lagen Dinge, die wie Reißzähne aussahen, und in der Luft lag Magie.

Malu nahm sich leise ein Kissen, setzte sich ein Stück hinter ihn und suchte ihre Göttin. Sie fand sie, doch das ungute Gefühl wich nicht. Vielleicht, dachte sie, war die Ordnung an diesem Ort so gegenwärtig, dass sie alte Gefühle in ihr weckte. Sicher war sie nicht.

Aston erhob sich, beinahe schwebend. Seine Augen leuchteten kurz weiß auf und wurden dann wieder orange, und er sah Malu. Er lächelte müde und reichte ihr die Hand.

„Wie war dein Gebet?“, fragte Malu.

„Naja“, sagte Aston. Seit seine Frau fort war, schlief er schlecht. Ob Malu ihn in den Garten begleiten wolle?


Im Garten bewegte Aston die Hand, und zwei Stühle rückten heran, und Kerzen flammten auf. Dann erzählte er, und die Nacht hörte zu.

Seinen Vater hatte er nie gekannt. Schon als Junge hatte er von der Hauptstadt geträumt und vom Primus Tempora. Eines Tages kam seine Mutter nicht mehr nach Hause, und er verließ Esterin. Ein Sturm hätte ihn beinahe vom Plateau gerissen, aber irgendwie erreichte er die Hauptstadt, und irgendwie schaffte er es ins Primus Tempora. Danach diente er der Ordnung. Er stieg so hoch auf, dass er den Zeithütern Fragen stellen durfte, und er fand, dass die Ordnungsrichter sich allesamt für etwas Besseres hielten. Schließlich trat er vor den höchsten Richter und vor den König und bat darum, Stadthalter von Esterin zu werden.

Die Stadt, die er vorfand, lag am Boden, weil ihre wichtigste Geldquelle versiegt war. Und die Schar der Schatten war da. Also lud Aston ihren Anführer ein, einen Mann, der Pläne verabscheute und das Chaos liebte. Dank seines Ranges konnte er das, und der Anführer kam tatsächlich. Er verlangte viel. Aston bot genug. Vor knapp fünf Jahren zog die Schar ab.

„Ich hätte es mit ihm aufnehmen können“, sagte Aston, und Malu war nicht sicher, ob er scherzte.

Aston wollte Esterin nicht säubern. Er wollte eine Stadt, in der es sich zu leben lohnte, und seitdem suchte Esterin eigene Wege, um an Geld zu kommen. Darum die Diskretion. Darum konnte niemand erfahren, was mit Elani geschah.

Malu erzählte ihm von Torm. Aston erzählte ihr, dass Primus keine Augen habe, und dass er selbst noch nie einem Gott begegnet sei. Götter zeigten sich denen, die sie am dringendsten brauchten, sagte er, und denen, die die Götter gerade brauchten. Der erste König sei Primus begegnet, und Primus sei auf ihn zugekommen. Man erzähle sich, Primus habe damals Angst gehabt.

„Wovor fürchtet sich ein Gott?“, fragte Malu.

Aston antwortete nicht.

Zuletzt erzählte er, wie er Malus Mutter kennengelernt hatte, durch reinen Zufall. Sie spreche sehr gut von Malu, sagte er, und sie sei keine gewöhnliche reiche Frau. Dann gingen sie hinein. Aston küsste Malu noch einmal die Hand, und zum ersten Mal in dieser Nacht schlief Malu tief und fest.


Lyria hatte die beiden gesehen.

Am Morgen klopfte sie an Malus Tür, und von drinnen kam ein Geräusch, das nach sehr wenig Schlaf klang. Als Malu endlich öffnete, lehnte Lyria am Türrahmen und lächelte, und das Lächeln sagte alles, was sie dachte. Die beiden waren kurz davor, aufeinander loszugehen, doch Wolfgang schob sich dazwischen und erklärte, dass es jetzt Frühstück gebe, und zwar sofort.

Aston kochte mit. Und beim Frühstück stellte Malu ihre Fragen.

Der Transport, erfuhren sie, wartete in Enour auf die Freigabe. Er würde sieben oder acht Tage brauchen, mit einem Halt in Treistädt und einem an einer Wasserstelle, an der nur Wanderer zum Naturgott beteten. Neun Gefangene, drei in jedem Wagen, und ihre Handschellen unterdrückten jede Magie. Drei Ordnungshüter und neun gewöhnliche Wachen, die nicht zu den besten gehörten. Nach jedem Halt wurde die Reihenfolge der Wagen getauscht, aber gefährliche Gefangene setzte man ungern nach hinten.

„Und deine Frau?“, fragte Malu.

„Eine Feuergenasi“, sagte Aston. „Mit einer Wunde an der rechten Seite des Kopfes.“ Sie hatte gemordet. Wer die Ordnung auf sie gehetzt hatte, wusste er nicht. Vermutlich jemand aus den reichen Kreisen, der durch sie einen Angehörigen verloren hatte.

Sie wälzten Pläne und verwarfen die meisten. Ein Überfall in den Bergen käme nur infrage, wenn danach niemand mehr übrig wäre, und das wollte keiner. Elanis Tod vorzutäuschen wäre bei einer Feuergenasi kaum glaubwürdig. Aber vielleicht ließe sich ein Ordnungshüter mit ein paar falschen Geräuschen dazu bringen, eine Tür zu öffnen, und vielleicht konnte Elani sich unsichtbar machen, sobald die Handschellen ab waren.

Auf dem Weg hinaus hielt Lyria Malu am Arm zurück. „Und? Was war da mit Aston?“

„Ich vertraue dir nicht“, sagte Malu.

Dann erzählte sie es ihr trotzdem, in groben Zügen.


Hinter einer magisch verschlossenen Tür lag Astons Waffenkammer, ein langer, sehr langer Raum. Gläser mit oranger Flüssigkeit standen in den Regalen, dazu Waffen aus Schattenstahl, ein Stein in der Form eines Zwanzigflächners und Zeichen der Ordnung, wohin man sah. Und in einem Kasten lagen pinke Juwelen.

Malu blieb stehen. Sie dachte an Serina.

Aston sah die Juwelen nicht gern an. Sie seien von Menschen getragen worden, sagte er, und sie beherrschten den Geist. Die Kristalle wirkten wie Verstärker, und irgendwo gebe es eine Kraft, die sie alle lenke.

Die Gruppe rüstete sich aus. Lyria strich lange über die Schattenstahlwaffen und nahm dann doch eine ganz gewöhnliche Armbrust. Wolfgang fand handgefertigte Jagdpfeile aus dunklem Holz mit rotoranger Spitze. Malu entdeckte eine dunkelgraue Lederrüstung, die vielleicht einmal einem Anführer gehört hatte, und schöpfte Hoffnung, darin endlich schleichen zu können. Ludwig bekam einen Beutel Schlafsporen und die Warnung, sie besser nicht selbst einzuatmen.

Dann holte Aston den Antimagiezirkel hervor. Er hatte ihn bekommen, als er Richter wurde. Es gab nur diesen einen, und er wollte ihn unbedingt wiederhaben.


Im Trainingsraum schloss Aston die Tür ab und legte den Zirkel auf den Boden. Man müsse reine Magie in seine Mitte lenken, erklärte er, dann erschaffe er ein Feld, in dem keine Magie mehr wirke, und je stärker der Anwender, desto stärker das Feld. Die Luft begann zu flirren. Ludwig versuchte, ein wenig Wasser zu erschaffen, und es kam keines.

Ludwig begann. Er rief nur seine Wassermagie, nichts von dem anderen, das in ihm schlief. Der Stein in der Mitte leuchtete blau und zog an ihm, und plötzlich zwang er Ludwig, eine Welle zu erschaffen. Malu riss den Schild hoch und fing sie ab.

„Schwach“, sagte Aston. „Du hältst dich zurück. Handle nicht aus Angst.“

Malu trat an den Zirkel, atmete tief ein und sammelte sich. Der Stein wurde gelb und verlangte mehr. Ihre Gedanken glitten zu Erinnerungen, die sie lieber vergessen hätte, doch sie hielt stand, und der Stein pulsierte ruhig unter ihrer Hand. Aston versuchte zu zaubern und konnte es nicht. Erst als Malu langsam losließ, spürte sie, wie viel Kraft der Zirkel sie gekostet hatte.

Dann versuchte es Ludwig noch einmal, und diesmal hielt er nichts zurück.

Der Zirkel bebte. Der Stein färbte sich dunkelrot, mit blauen Flecken, und Aston war mit einem Schlag hellwach. Ludwig spürte den Sog des Steins, doch der Stein war nicht das Einzige, das an ihm zog. Er hörte Glocken. Etwas tief in ihm bäumte sich auf und wehrte sich dagegen, seine Magie herzugeben. Der ganze Raum glühte rot, und der Zirkel wirkte. Die Glocken wurden lauter und lauter.

Als Ludwig losließ, explodierte der Schmerz in seinem Kopf. Er öffnete die Augen und sah schwarze Silhouetten um sich stehen, und erst nach mehrmaligem Blinzeln waren da nur noch Malu und Aston. Er lag auf dem Boden. Aston kniete neben ihm, eine Hand an seinem Kopf, die andere am Zirkel. Langsam kehrte Ludwigs Magie zurück.

Der Stein hatte einen feinen Riss.

Aston betrachtete ihn lange, dann betrachtete er Ludwig. „Bleib besser bei der Wassermagie“, sagte er. „Auch wenn die andere stärker ist.“ Den Zirkel behielt er bis zur Abreise. Er bot sich als Trainingspartner an und ging. Malu fragte Ludwig, ob alles in Ordnung sei, und als er nickte, atmete sie aus, und dann trainierten die beiden, bis ihnen die Arme schwer wurden.


Wolfgang und Lyria streiften derweil durch das Haus. Sie fanden Arbeitsräume, verschlossene Türen und Bäder, und schließlich eine Bibliothek, die von einem riesigen Schädel beleuchtet wurde. Er erinnerte an einen Drachen, war aber größer als alles, was sie je gesehen hatten, und wo ihm Zähne fehlten, brannten Kerzen. Die Bücher handelten von Esterin, von Religion, Schwertkampf und Organisation, von Natur und Tieren. Wolfgang zog ein Buch über Malack aus dem Regal, voller Markierungen und schöner Zeichnungen, und vergaß eine Weile die Zeit.

Am Abend saßen sie zu viert in einem Gästezimmer und legten den Plan fest. Sie würden den Wagen folgen, bis der richtige Moment kam. Luna würde unsichtbar den richtigen Wagen finden. Lyria würde sich unsichtbar anschleichen und die Wachen, die noch wach waren, mit den Sporen schlafen schicken. Dann würden sie mindestens zwei Wagen entführen, in die entgegengesetzte Richtung, die Gefangenen befreien und auf einem anderen Weg nach Esterin zurückkehren.

Es war ein guter Plan. Das sagten sie sich jedenfalls.