Solange sie durch den Wald zogen, musste niemand hungern. Wolfgang fand Beeren, wo die anderen nur Büsche sahen, und Wurzeln, wo die anderen nur Erde sahen. Doch nach ein, zwei Tagen lichteten sich die Bäume, und die Welt wurde belebter. Hin und wieder stand eine Laterne am Weg, und irgendwann ließen sie ein winziges Dorf links liegen.

In der ersten Nacht außerhalb des Waldes bauten sie einen Unterschlupf und machten Feuer, und Lyria spannte Alarmfallen um das Lager. Dann setzte sie sich zu den anderen und stocherte in der Glut.

„Was die wohl mit dem Kind machen“, sagte sie.

Malu antwortete nicht.

„Wir hätten sie nicht abgeben sollen.“

„Und was hätten wir sonst tun sollen?“ Malus Stimme war gefährlich ruhig. Sie hätte Serina am liebsten selbst mitgenommen, und genau das hatte Lyria auch nicht gewollt. Malu starrte ins Feuer, bis die Flammen vor ihren Augen verschwammen, und sagte für den Rest des Abends kein Wort mehr zu Lyria.


Am Horizont wuchsen Berge empor, die Kaalberge. Das Gras wurde spärlicher und der Boden steiniger, und die Pferde zeigten deutlich, was sie davon hielten. Irgendwo dort oben lag Esterin, eine Stadt, die offiziell von ihren Zöllen lebte.

In einem kleinen Haus am Weg, das seit Ewigkeiten niemand betreten hatte, schlugen sie ihr Nachtlager auf. Der Staub lag fingerdick. Malu wischte einen Stuhl sauber, setzte sich und sah Lyria an.

„Du kennst Esterin.“

„Ich hatte dort Aufträge.“

„Was für Aufträge?“

Lyria zuckte mit den Schultern. „Leute aufspüren. Und ausschalten.“

Drei Monate lang war sie dort gewesen. Esterin zu betreten werde teuer, warnte sie, und sie sollten besser nicht so aussehen, als hätten sie Geld.

Später kam das Gespräch auf Ludwig und auf die Begegnung, die er im Wald gehabt hatte. Warum er nicht früher davon erzählt habe, fragte Lyria. Seltsam war es allemal. Vielleicht hatte es mit den Waffen zu tun, die er aus dem Nichts zog. Ludwig hob nur die Schultern.


In einer Ecke des Hauses fand Lyria eine kleine Puppe. Sie hob sie auf, drehte sie im schwachen Licht, und hinter ihr flüsterte Ludwig ein Wort.

Aus der Puppe stieg ein Geist.

Es war der Geist aus dem Kampf im Traum, und er raste auf Lyria zu, die Arme ausgestreckt, lautlos. Lyria taumelte zurück, Staub wirbelte auf, und erst eine Fingerbreite vor ihrem Gesicht löste sich der Geist in nichts auf.

Ludwig klopfte ihr auf die Schulter. „Einer musste es ja tun.“

Lyria sagte nichts. Sie drehte sich um und ging aus dem Haus.

Wolfgang wartete einen Moment, dann ging er ihr nach. Er fand sie ein Stück entfernt im Dunkeln, die Arme um sich geschlungen. „Es war nur ein Streich“, sagte er. „Ludwig ist ein Idiot. Aber ein harmloser.“ Lyria schnaubte. Nach einer Weile kamen sie gemeinsam zurück.

Malu untersuchte die Puppe gründlich, von allen Seiten. Es war nur eine Puppe.


Am nächsten Tag führte sie eine fast neue Brücke über einen Fluss, und einen Tag später standen sie am Fuß der Berge. Auf dem Hauptweg lagen mehrere Zollstellen, die andere Route war gefährlicher. Am Wegrand stand eine kleine Kiste mit dem Zeichen der Splitter, und Malu blieb davor stehen. Hier oben glaubten nur wenige an die Götter.

Die Zolltürme, klein und durch Seile miteinander verbunden, waren verlassen. Kein Licht, kein Laut, niemand, der die Preise kassierte, die auf einem Schild standen, bis zu zwanzig Gold. Die Gruppe ging einfach hindurch. Aber mit jedem Schritt wurde die Straße besser, glatter, gepflegter, und Lyria wurde immer stiller.

„So war das früher nicht“, sagte sie.

Dann hörten sie ein Pfeifen. Vier oder fünf Arbeiter kamen ihnen entgegen und zogen einen kleinen Wagen mit Werkzeug und Holz. Zoll, erzählten sie, gebe es nur noch am Haupttor, ein paar Silberstücke, nicht mehr. Die Stadt habe einen neuen Stadthalter, Aston. Und in der Mitte der Stadt liege ein riesiger See.


Dann sahen sie es selbst.

Esterin lag in einem gewaltigen Krater, als hätte ein Riese seine Faust in den Berg geschlagen, und in seiner Mitte glänzte ein See. Steinerne Türme säumten den Kraterrand. Vom Pfad, der sich zu ihr hinabschlängelte, konnte man die ganze Stadt überblicken, und sie war größer als Phirun. Auf den Märkten herrschte Betrieb, überall arbeiteten Menschen, die Mauern waren ausgebessert, und nirgends lag jemand auf der Straße.

Lyria blieb stehen. Die Stadt, an die sie sich erinnerte, war eine andere gewesen.

Am offenen Tor trugen die Wachen das Zeichen des Primus. Eine Frau verlangte Zoll. „Wir kennen deinen Chef“, sagte Lyria, und Malu reichte ihr den Brief. Die Frau las ihn, sah auf und wies ihnen den Weg: die Hauptstraße entlang, einmal um den See herum. Das Gebäude würden sie schon erkennen.

Die Straße war von Läden und Garküchen gesäumt. Im Norden drängten sich die Häuser dicht an dicht, im Süden standen Villen. Kinder spielten am Wasser, eines wurde geschubst und kreischte. Ein paar alte Tavernen hatten für immer geschlossen. Und manche Leute trugen weiße Kleidung mit einem bronzenen Abzeichen, demselben Zeichen wie auf Astons Brief.


Astons Haus war nicht zu übersehen. Vor dem Eingang ragte eine Säule mit dem Zeichen des Primus auf. Die Tür zierten zwei Drachen, und die Türgriffe waren Drachenschwänze. Überall in diesem Haus wanden sich Drachen, auf Teppichen, an Geländern, in Stein und in Holz.

In der Eingangshalle hingen die Porträts der Stadthalter, jeder vor dem Hintergrund seiner Stadt. Lyria blieb vor dem vorletzten stehen und verzog das Gesicht. „Der sieht hier deutlich besser aus als in echt“, sagte sie zu Malu. Das letzte Porträt zeigte einen Tiefling mit langen dunklen Haaren, stolz, in einer prächtigen Rüstung wie die eines Ordnungshüters und mit dem Zeichen des Primus. Die Stadt hinter ihm aber sah schlicht widerlich aus.

Sie fanden Aston im Garten, in einem Raum aus Glas mit Blick über ganz Esterin. Er sprach gerade mit ein paar Leuten, sah die Gruppe durch die Scheiben und lächelte. Dann kam er heraus, sah jeden von ihnen einzeln an, blieb mit leicht irritiertem Blick an Lyria hängen und wandte sich schließlich Malu zu. Er küsste ihr die Hand. Dann küsste er auch Lyria die Hand, und Lyria wusste nicht, wohin mit ihrem Gesicht.

Er lud sie zum Abendessen ein und ließ jedem ein eigenes Gästezimmer herrichten. Bewachte Türen, bat er freundlich, mögen sie meiden.


Die Zimmer waren prachtvoll, mit Spiegeln, riesigen Betten, weichen Teppichen und in jedem ein eigenes Kunstwerk. Malu hatte eines, das Eterna zeigte, Wolfgang Nordlichter, Ludwig eine kahle, weite Ebene. Man merkte, dass Aston sehr lange in der Hauptstadt gelebt hatte.

Lyria fand das Bad aus purem Glück. An den Ecken der Türen, bemerkte sie, waren kleine Zeichen eingelassen, die verrieten, was dahinter lag, und eines sah aus wie Wasser. Sie blieb lange im warmen Wasser. Zum ersten Mal verstand sie, warum Menschen so leben wollten. Seltsam fand sie es trotzdem.

Malu ging in den Gebetsraum. Er war rund, an der Decke funkelten Sterne, und die Wände schienen dicker als anderswo, so still war es darin. Ringsum fand sie die Zeichen vieler Götter, das ihrer Göttin, und auch das Zeichen Malacks. In der Mitte stand eine Statue, ein Oberkörper mit einem Kopf ohne Gesicht.

Malu kniete nieder und betete, und die Welt um sie wurde leise. Sie spürte, wie ihre Göttin über sie wachte. Dann nahm sie Malacks Tafel in die Hände und versuchte, mit ihr zu sprechen. Irgendwo, weit weg und doch ganz nah, sangen Vögel.

Ludwig ließ seine Waffen verschwinden, band sich die Haare zusammen und klopfte bei Wolfgang, der gerade missmutig die feinen Kleider betrachtete, die man ihm hingelegt hatte. Sie spielten Karten. Und irgendwann, zwischen zwei Runden, begann Ludwig zu erzählen.

Von den Glocken, die er seit dem Wald hörte. Von seinem Patron. Vom Tagebuch seines Vaters, in dem der alles aufgeschrieben hatte, was er erlebt hatte, und davon, dass schon sein Vater das Schwert besessen hatte. Er schob Wolfgang das Tagebuch über den Tisch. Wolfgang durfte darin lesen.

Dann spielten sie weiter, als wäre nichts gewesen.


Zum Abendessen trug Malu ein bodenlanges, cremefarbenes Kleid mit goldenen Details, dazu Tanzschuhe und das Haar zu einer Schleife gebunden. Lyria trug Weiß, das Haar halb offen, halb geflochten, und sah beinahe aus wie eine Elfe. Ludwig und Wolfgang waren als Erste fertig.

Der Speisesaal war lang und schlichter als der Rest des Hauses, mit ein paar Bücherregalen an den Wänden. Aston saß am Kopf der Tafel. Der Stuhl neben ihm blieb leer. Als die Bediensteten auftragen wollten, schickte er sie mit einer Handbewegung hinaus, und sie aßen allein. Das Essen war hervorragend.

Dann legte Aston das Besteck beiseite und fragte, wie ihnen seine Stadt gefalle. Esterin sei seine Heimat, sagte er, und sein Blick wanderte zu dem leeren Stuhl. Es sei auch die Heimat seiner Frau.

Früher habe man in Esterin tun müssen, was nötig war, um zu überleben, und nicht alles davon sei legal gewesen. Wegen dieser Vergangenheit sei seine Frau in einer kleineren Stadt festgenommen worden, und nun bringe man sie in eine größere, ausgerechnet nach Esterin. Er könne sie nicht befreien, ohne sein Ansehen bei der Krone zu verlieren. „Ich bin politisch machtlos“, sagte er. Und käme sie ins Gefängnis, bekäme die ganze Stadt Schwierigkeiten, denn fast jeder hier trage eine dunkle Vergangenheit hinter seinem neuen, guten Leben.

Ihr Name war Elani Thorne. Sie hatte gestohlen und gemordet, und zwar die falschen Leute. Drei Gefangenenwagen würden sie bringen, dazu ein Wagen für die Wachen. Er selbst, sagte Aston, habe früher in der Ordnung gedient.

„Befreit sie“, sagte er. „Mit absoluter Diskretion. Nichts darf auf mich zurückfallen.“

Dafür bot er jedem von ihnen fünfhundert Gold und einen magischen Gegenstand.

Die Gruppe bat um Bedenkzeit. Ludwig setzte zu einer Frage an. „Dürfte ich fragen …“ Dann überlegte er es sich anders und schwieg. Aston aß noch ein paar Bissen, dann führte er sie in eines seiner Arbeitszimmer, und dort begannen sie zu planen.