Die Hexe in der Scheune
8 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 8
Wolfgang stand auf einem Feld, und er wusste, dass er träumte.
Vor ihm stand ein junger Hirsch. Er wuchs, während Wolfgang ihn ansah, das Geweih verzweigte sich, die Schultern wurden breiter, und doch ging von ihm ein Schwinden aus, als würde mit jedem Atemzug etwas aus ihm herausfließen. Wolfgang wusste, wer er war, noch bevor er es begriff. Es war Malack.
Sie wurde schwächer.
Während Wolfgang träumte, holte Lyria ihre Dolche beim Schmied ab. Er stand mit einer rot glühenden Schale in der Tür, als Ludwig ihn überraschte, und winkte Lyria mit hinein.
Der erste Dolch war wie neu. Der zweite war kaum wiederzuerkennen. Die Klinge war fast schwarz und trug die Faust Banes, und der Dolch war so leicht, dass Lyria ihn zweimal in der Hand wog. Schattenstahl, sagte der Schmied. Er glitt ohne jeden Widerstand und ohne einen Laut durch alles, was man ihm entgegenhielt.
„Werd ihn los“, riet der Schmied. „Die Ordnungshüter sehen so was gar nicht gern.“
Lyria steckte ihn ein.
Ludwig und Malu gingen derweil zu Arina, und Ludwig hielt sich nicht mit Erklärungen auf. Er griff nach ihrem Kopfschmuck und nahm ihn ihr ab.
Pinkes Licht flammte auf. Das Mädchen kippte vom Stuhl, und das Juwel in Ludwigs Hand leuchtete einen Herzschlag lang golden, bevor es erlosch.
Arina lag still. Malu kniete neben ihr, fühlte ihren Puls, schüttelte sie, sprach sie an, und nichts geschah. Erst ein großer Heiltrank riss das Mädchen wie ein Schock ins Leben zurück. Sie schlug die Augen auf, und die Augen waren braun.
Sie kannte die beiden nicht. Sie wollte zu ihren Eltern, und sie fragte nach ihrem Dolch. Ihr Name sei nicht Arina, sagte sie mit zitternder Stimme. Sie heiße Serina. Sie war vierzehn Jahre alt, und das Letzte, woran sie sich erinnerte, war ihr Zuhause in Eterna. Kollegen ihres Vaters, eines Waffenschmieds, waren zu Besuch gekommen. Danach war nichts mehr.
„Phirun?“, fragte sie. „Liegt das in den Weiten?“
Ihr Onkel Asston, erzählte sie, diene bei der Garde. Malu versprach, die Garde zu suchen.
Dann nahm Malu das Juwel in die Hand. Macht pulsierte darin, und das Seltsame war, dass Malu sie kannte. Sie fühlte sich an wie die Verbindung zu ihrer Göttin, wie das Gebet in Weizwasser, nur verdreht und falsch herum. Und ganz leise, irgendwo tief im Stein, lachte jemand.
Serina hatte Durst, als hätte sie seit einer Ewigkeit nichts getrunken. Sie leerte die Wasserration eines ganzen Tages, und Ludwig füllte sie ihr wieder auf. Doch vor ihren Augen wurde das Mädchen blasser und dünner, als verbrenne ihr Körper in wenigen Minuten, was er in Wochen nicht bekommen hatte. Ludwig nahm sie auf die Arme, und sie liefen.
Lyria sah die beiden mit dem Kind auf die Taverne zustürzen und wusste sofort, was zu tun war. Sie holte Heiltränke, vier gewöhnliche und einen pinken, der gegen Gedankenkontrolle helfen sollte. In der Gaststube legte Ludwig Serina auf den Tresen, und alle Gespräche verstummten. Malu löffelte ihr vorsichtig Suppe ein, ein Gnom mit dem Zeichen des Primus begann neben ihnen zu beten, und ein Heiltrank brachte ein wenig Farbe zurück. Dann drängte sich ein Wassergenasi durch die Menge. Grüne Funken sprangen von seinen Fingern, und plötzlich lagen Beeren in seiner Hand.
Serina aß, und sie blieb.
Oben im Zimmer war Wolfgang gerade aus seinem Traum erwacht und begriff überhaupt nichts. Alle redeten durcheinander. Serina und Lyria keiften sich an, als würden sie sich seit Jahren kennen. Malu rollte irgendwelche Gemälde von Waldläufern aus. Und dann standen Ordnungshüter vor der Tür.
Lyria versuchte, sie abzuwimmeln. Serina sei nicht hier. Einer der Ordnungshüter schob sie beiseite, als wäre sie ein Vorhang, und bald standen vier von ihnen im Zimmer. Die Gruppe legte die Waffen ab. Einer setzte Luna vor die Tür, was Luna ihm übel nahm.
Ludwig legte das Juwel auf den Boden. Ein gelber Schimmer formte eine Kiste darum, und der Ordnungshüter hob sie auf, ohne den Stein zu berühren. Ein anderer legte Serina die Hand auf die Stirn. Sie wurde augenblicklich ruhig, und er las in ihren Erinnerungen wie in einem Buch.
„Sie hat es selbst abgenommen“, sagte Ludwig, ohne mit der Wimper zu zucken.
Die Ordnungshüter glaubten ihm. Sie würden Serina mitnehmen, erklärten sie, und in zwei Tagen zu ihrer Familie nach Eterna bringen. Malu schenkte ihr zum Abschied eines der Gemälde. Als sich die Tür hinter dem Mädchen schloss, spürte Malu eine große Wärme in sich.
Und dann riss ihr der Geduldsfaden. Sie fuhr Lyria an, all die kleinen Spitzen der letzten Stunden im Kopf, doch Lyria lehnte nur an der Wand und grinste, provozierend gelassen. Als Lyria schließlich wissen wollte, wofür eigentlich der pinke Trank sei, nahm Malu ihn an sich und antwortete nicht.
Wolfgang erzählte Ludwig von seinem Traum. Danach stand für beide fest, dass sie zur Scheune mussten, und zwar allein.
Weit kamen sie nicht allein. Malu hatte Wolfgangs Hut von Weitem in der Menge entdeckt und folgte ihnen, und Lyria überholte Malu unterwegs, was Malus Laune nicht besserte.
Vor Malu landete ein riesiger Vogel. Seine Federn waren dunkelrot, und auf dem Rücken trug er einen gelben Zylinder. Malu kannte solche Tiere: Blutfalken, die Beamte für ihre Botschaften nutzten, weil sie einen Menschen über sein Blut überallhin fanden. Der Brief darin trug ein Zeichen, das sie noch nie gesehen hatte. Malu las ihn schweigend.
„Aha“, sagte sie schließlich.
Der Brief kam von Aston Thorne, Stadthalter von Esterin, genannt der Drache der Wüste. Er suche eine Gruppe von Kämpfern und lade sie zu sich nach Esterin ein. Malus Mutter habe ihm von ihr erzählt. Malu runzelte die Stirn und fragte Ludwig, wie Serinas Onkel noch einmal geheißen hatte.
Sie redeten den ganzen Weg über den Brief. Doch am Ende entschieden sie sich zuerst für Malack.
Die Scheune war leergeräumt, und der Hirsch war fort. Lyria sah jemanden kommen und drückte die anderen gegen die Bretterwand.
Es war Vessing, und bei ihm war ein jüngerer Mann mit einem Zeichen aus drei Kreisen. Luna spähte hinein, und die Gruppe lauschte. Es ging um den fünfundzwanzigsten Käfig und um „die Frau“, die man bald nicht mehr brauche. Nach dem nächsten Auftrag solle man sie gehen lassen, sagte der Jüngere, der Handel sei ohnehin fast ausgelaufen. Vessing solle die Scheune räumen. Vessing wurde dafür bezahlt, und man sah ihm an, wie wenig ihm das gefiel. Mit einer Holzkiste unter dem Arm folgte er dem Mann hinaus.
Die Gruppe beschloss, auf die Hexe zu warten.
Wolfgang und Lyria sollten aufs Dach. Wolfgang nahm Anlauf, lief die Wand hinauf, zog sich mit einem Ruck über die Kante und landete in einer Pose, die er später gern als heldenhaft beschrieb. Lyria sprang hinterher, rutschte ab, und Wolfgang packte sie und zog sie mit einer Kraft nach oben, die ihm niemand zugetraut hätte.
„Muskeln“, sagte er.
Malu und Ludwig versteckten sich in der Nähe, und dann warteten sie die Nacht hindurch.
Im Morgengrauen kam der große Wagen zurück. Esna war dabei. Wolfgangs Pfeil begann in seinem Köcher zu vibrieren.
Die Fänger luden einen Käfig ab. Luna spähte hinein: ein schwarzer Wolf, groß wie ein Mensch, bewusstlos, leicht blutend. Die Männer öffneten den Käfig, gingen hinaus und schlossen das Tor hinter sich.
Der Wolf erwachte voller Zorn. Da trat die Hexe aus den Schatten.
Der Wolf sprang, sie hob nur die Hand, und er erstarrte mitten in der Bewegung. Winselnd kroch er zurück. Die Hexe ging zu ihm und schnitt ihn, präzise wie ein Handwerker bei seiner Arbeit. Überall in der Scheune erhob sich Flüstern. Ein Ritualkreis flammte violett auf, und als die Hexe ihre Hand zurückzog, zog sie etwas mit sich: einen grünen, schimmernden Geist, den Geist des Wolfes. Der Wolf fiel. In der Mitte des Kreises schlangen sich Tentakel um den hilflosen Geist und färbten ihn violett, und die Hexe entkorkte eine Flasche und sog ihn hinein.
Wolfgangs Pfeil spielte verrückt. Malu und Ludwig waren am Tor, Lyria bei ihnen. Ein magischer Stoß sprengte das Tor auf, und die Hexe hob den Blick zum Fenster, direkt zu Wolfgang, und griff nach ihren Flaschen.
Die erste Flasche zersprang, und vor ihnen stand der Eulenbär.
Er war violett und durchscheinend, doch Wolfgang war sicher, dass es der Eulenbär aus dem Wagen war, der, den sie nicht hatten retten können. Traf man ihn, flackerte für einen Augenblick sein altes Grün auf, als erinnere er sich daran, wer er gewesen war.
Ludwig ging zu Boden, stand wieder auf und ging wieder zu Boden. Malu hielt ihn am Leben, und nicht nur ihn. Sie stand zwischen ihren Freunden und dem Tod wie eine Wand. Als Lyria in blanker Angst vor der Hexe floh, stellte sich Malu dem Eulenbären in den Weg, damit er Lyria verschonte.
Wolfgang schoss vom Fenster aus Pfeil um Pfeil auf die Hexe. Die zweite Flasche brachte einen Ettercap hervor, der Ludwig in ein klebriges Netz wickelte und zu sich zerrte, bis Ludwig sich mit einem Stoß magischer Energie freisprengte. Ludwig und Wolfgang trafen die Hexe hart, wieder und wieder. Lyria fand zu sich zurück.
Als die Hexe schließlich fliehen wollte, rannte sie ausgerechnet auf Lyria zu.
Lyrias Klinge traf, und die Hexe fiel in zwei Teilen zu Boden.
Wolfgang durchsuchte die Tote, fand Geld und allerlei Nützliches und dann, was er eigentlich suchte: die Flaschen. Er öffnete sie eine nach der anderen. Geister strömten heraus, grün und leuchtend, und flohen in den Wald, und die Gruppe rannte ihnen nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden.
Nur einer blieb zurück. Ein Hirsch.
Wolfgang ging langsam auf ihn zu. Zwischen den Bäumen traten die Bogenschützen hervor, und es gab Umarmungen, lange und fest. Malack gab jedem von ihnen die Kraft zurück, die der Kampf gekostet hatte, und für Wolfgang hatte sie noch etwas.
Es war ein Bogen, gefertigt aus dem Geweih des letzten Hirsches, den die Hexe getötet hatte. Smaragde saßen darin, die Sehne war dunkelgrün, und in dem Holz, das kein Holz war, lebte die Kraft der befreiten Geister. Als Wolfgang ihn spannte, lag ein Pfeil darauf, den er nicht eingelegt hatte. Die Pfeile würden ihm nie wieder ausgehen.
Wolfgang dachte an den Hirsch in der Scheune. Er sagte nichts, aber er hielt den Bogen sehr fest.
Er teilte das Geld der Hexe mit allen. Lyria nahm einen Ring heraus und ritzte etwas hinein, und niemand fragte, was. Dann brachen sie auf, nach Süden, Richtung Esterin, ein Stück stärker als zuvor.