Die Hexe in der Scheune
11 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 8
Nach der Nacht im Kessel schlief Wolfgang bis weit in den Morgen, und im Schlaf stand er auf einem Feld und wusste, dass er träumte.
Vor ihm stand ein junger Hirsch. Er wuchs, während Wolfgang ihn ansah: Das Geweih verzweigte sich, die Schultern wurden breiter, und trotzdem ging von dem Tier ein Schwinden aus, als flösse mit jedem Atemzug etwas aus ihm heraus, das nicht zurückkam. Wolfgang wusste, wer da vor ihm stand, noch bevor er es begriff. Malack wurde schwächer.
Während er träumte, gingen die anderen drei zur Schmiede, um Lyrias Dolche zu holen. Der Schmied stand mit einer rot glühenden Schale in der Tür und rechnete so früh mit niemandem; als Ludwig hinter ihm auftauchte, fuhr er so zusammen, dass ihm die Schale beinahe aus den Händen ging.
Der erste Dolch war wie neu, blank und ohne eine Spur von Rost. Beim zweiten winkte er Lyria mit in ein Hinterzimmer, und das hatte seinen Grund.
Dort lag die Klinge auf dem Tisch, fast schwarz, und in den Stahl war die Faust Banes geschlagen. Lyria nahm sie in die Hand und wog sie zweimal, so leicht war sie. Schattenstahl, sagte der Schmied, und so etwas legte er nicht vorn in seinen Laden. Wer mit diesem Stahl arbeitete, arbeitete in der Unterwelt, und wer ihn bei sich trug, bekam Ärger mit den Ordnungshütern. Er riet ihr, das Ding loszuwerden.
Lyria versprach es ihm. Dann probierte sie die Klinge an dem, was herumlag, und sie glitt ohne Widerstand und ohne einen Laut hindurch. Herzugeben hatte Lyria nicht die Absicht.
Als sie nach vorn kam, waren Malu und Ludwig schon gegangen.
Dass dieses Juwel von Arinas Kopf musste, hatten sie am Tag zuvor draußen vor dem Laden ausgemacht. Wie, hatten sie nicht ausgemacht.
Der Laden lag da wie am Morgen zuvor. Das Glas in den Regalen wirkte weich, wenn man zu lange hinsah, es war warm, und am Tisch zwischen den getrockneten Kräutern saß das Mädchen. Malu suchte noch nach einem Anfang, als Ludwig schon an ihr vorbei war, die Hand hob und Arina den Kopfschmuck einfach abnahm.
Pinkes Licht flammte auf. Das Mädchen kippte vom Stuhl. Das Juwel in Ludwigs Hand wurde für einen Herzschlag golden, dann erlosch es und war nichts mehr als ein Stein.
Malu war neben ihr auf den Knien, ehe Ludwig den Kopfschmuck ganz gesenkt hatte. Der Puls ging ruhig. Sonst tat das Mädchen nichts: Malu sprach es an, schüttelte es an der Schulter, nichts. Ludwig stand daneben und blieb dabei so gelassen, als hätte er einen Riegel geöffnet und wartete nun darauf, dass die Tür aufging.
Erst ein großer Heiltrank riss das Mädchen zurück. Es fuhr auf wie aus einem Sturz, und seine Augen waren braun.
Sie kannte die beiden nicht. Sie wollte zu ihren Eltern, und sie fragte nach ihrem Dolch. Sie fragte, was Phirun sei, und als Malu es ihr sagte, wollte sie wissen, ob das in den Weiten liege. Ihr Name sei nicht Arina, sagte sie. Sie heiße Serina, sie sei vierzehn Jahre alt, und das Letzte, woran sie sich erinnere, sei ihr Zuhause in Eterna: Kollegen ihres Vaters, eines Waffenschmieds, waren zu Besuch gekommen, es ging um Arbeit, und danach war sie hier aufgewacht. Das Juwel hatte sie nie zuvor gesehen.
Was zwischen jenem Besuch und diesem Morgen lag, erfuhr sie von den beiden nicht. Sie sagten es ihr nicht.
Dann begriff Serina, dass sie nicht wusste, wo sie war, und geriet in Panik. Ihr Onkel Aston, brachte sie heraus, diene bei der Garde. Malu versprach, die Garde zu finden.
Den Stein nahm Malu selbst in die Hand und suchte, was in ihm steckte. Eine Macht pulste darin, und das Schlimme war, dass Malu sie kannte: Es fühlte sich an wie das, was sie spürte, wenn sie sich Torm zuwandte, nur verdreht und falsch herum. Ganz leise, irgendwo tief in dem Stein, lachte jemand.
Serina hatte Durst wie jemand, der seit Ewigkeiten nichts getrunken hat, und Hunger dazu. Malu gab ihr Wasser, und sie trank die Tagesration eines Erwachsenen in einem Zug; Ludwig füllte den Schlauch wieder auf. Doch während sie trank, wurde ihre Haut heller und ihr Gesicht schmaler, als rechne der Körper in Minuten ab, was ihm über Wochen gefehlt hatte. Ludwig nahm sie auf die Arme, und sie liefen.
Lyria wartete in der Taverne, als die zwei über die Straße kamen, Ludwig mit dem Kind auf den Armen, Malu neben ihm, beide im Laufschritt. Erklären musste ihr das niemand. Sie ging zurück zu dem Trankladen, in dem jetzt niemand mehr saß, der etwas dagegen gehabt hätte, und nahm fünf Fläschchen mit: vier Heiltränke und einen pinken. Bezahlt wurde nichts.
Malu war als Erste am Tresen, weil sie sich den Weg dorthin nicht suchen musste, und sie fragte nach Essen. Ein halber Brotlaib lag sofort vor ihr. Ludwig legte Serina auf den Tresen, und in der Gaststube sahen alle her: ein Kind, dem man ansah, wie wenig noch fehlte. Der Wirt gab Suppe dazu, und Malu löffelte sie ihr ein, vorsichtig, immer nur so viel, wie das Mädchen schlucken konnte. Neben ihnen begann ein Gnom mit dem Zeichen des Primus zu beten. Ein Heiltrank brachte etwas Farbe in Serinas Gesicht.
Lyria kam durch die vollste Gaststube der Vorstadt, ohne einen Krug zu berühren, und stellte sich dazu. Ludwig erzählte ihr, was im Laden passiert war. Lyria wollte wissen, warum sie das Kind überhaupt mitgenommen hatten.
Dann drängte sich ein Wassergenasi durch die Menge, ein Fremder, den keiner von ihnen je gesehen hatte. Grüne Funken sprangen zwischen seinen Fingern, und dann lagen Beeren darin, die einen Augenblick zuvor irgendwo anders gelegen hatten. Serina aß, und ihr Zustand hielt.
Nach oben wollten sie mit ihr, und oben stand Wolfgang, der eben erst aus seinem Traum aufgewacht war. Ein Hirsch war schwächer geworden, während er ihn ansah, und unten in der Scheune hatte einer in seinem Käfig gelegen und auf nichts reagiert; Wolfgang brauchte einen Augenblick, bis er begriff, dass er das nicht länger für zwei getrennte Dinge halten konnte.
Danach redeten alle gleichzeitig. Serina weinte, und Lyria wurde es schnell zu viel; was sie dazu sagte, machte es nicht besser, und Serina gab es ihr zurück. Von Wolfgang hielt das Mädchen Abstand, denn für sie war er ein Monster. Malu holte die Gemälde hervor, die sie in der Drachenhöhle bei einem der Toten gefunden hatte, Bilder von Waldläufern, und rollte sie vor Serina auf dem Boden aus.
Lyria wollte aus dem Zimmer, und das hatte nichts mit dem Kind zu tun. Unten waren Ordnungshüter im Haus.
Einer stand schon am Eingang zum Zimmer. Serina sei nicht hier, sagte Lyria. Der Mann schob sie beiseite, ohne Mühe und fast ohne hinzusehen, und kurz darauf waren sie vier. Irgendwer hatte sie gerufen; ein halb verhungertes Kind auf einem Tresen bleibt in einer vollen Gaststube nicht unbemerkt. Die Waffen legten sie weg, ohne dass es jemand verlangen musste, und einer der Ordnungshüter setzte Luna vor die Tür, was Luna ihm übel nahm.
Ludwig legte das Juwel auf den Boden. Ein gelber Schimmer legte sich als Kiste darum, und der Ordnungshüter hob sie auf, ohne den Stein zu berühren. Ein anderer legte Serina die Hand auf die Stirn, und das Mädchen war augenblicklich ruhig. Sie habe den Kopfschmuck selbst abgelegt, sagte Ludwig, und sie glaubten ihm. Dann las der Mann, die Hand noch auf ihrer Stirn, in Serinas Erinnerungen, und was er dort fand, reichte ihnen: eine Familie in Eterna.
Sie würden das Mädchen mitnehmen und in zwei Tagen nach Eterna bringen. Malu gab ihr eines der Gemälde mit. Dann fiel die Tür zu, und im Zimmer war es still.
In Malu breitete sich eine große Wärme aus, und einen Augenblick lang war das alles, was sie spürte.
Dann drehte sie sich zu Lyria um. Ein Kind hatte hier geweint, und Lyria war davon nichts weiter gewesen als genervt. Malu sagte ihr das, laut und ohne Rücksicht darauf, wer es hörte. Lyria lehnte an der Wand, ließ es an sich abgleiten und lächelte dabei ein wenig, und das machte Malu nur noch wütender.
Was der pinke Trank könne, wollte Lyria wissen. Er half gegen Gedankenkontrolle, nur erfuhr Lyria das nicht von ihr: Malu nahm ihn an sich und redete nicht weiter mit ihr.
Während die beiden noch stritten, gingen Wolfgang und Ludwig. Wolfgang hatte ihm von dem Traum erzählt, und danach wollten sie zur Scheune, bevor sich ein weiterer Tag daranhängte.
Malu merkte es erst, als sie selbst aus dem Zimmer kam. Wolfgangs Hut war in der Menge noch zu sehen, also ging sie hinterher. Lyria kam hinter ihr, überholte sie unterwegs, ohne ein Wort zu verlieren, und Malus Laune besserte das nicht. Vor der Scheune holten sie die beiden ein.
Und dann landete vor Malu ein Vogel, so groß, dass sie einen Schritt zurücktrat. Die Federn waren dunkelrot, und auf dem Rücken trug er einen gelben Zylinder. Malu kannte solche Tiere: Beamte schickten sie mit Botschaften, und dieser hier fand eine Person an ihrem Blut, wo er auch steckte. Von zu Hause kannte sie ihn nicht.
Sie öffnete den Zylinder. Der Brief darin trug ein Zeichen, das keiner von ihnen kannte, und der Falke blieb sitzen, wo er saß, und wartete.
Malu las ihn erst für sich. „Aha“, sagte sie und fragte Ludwig, wie Serinas Onkel noch geheißen habe. Dann las sie den Brief laut vor. Er kam von Aston Thorne, dem Stadthalter von Esterin, den man den Drachen der Wüste nannte. Er brauche eine Gruppe von Kämpfern, er lade sie zu sich nach Esterin ein, und er erwarte eine Antwort. Von ihr wusste er durch ihre Mutter, und dass ihre Mutter über sie gesprochen hatte, mit einem Mann wie diesem, ließ Malu nicht gleich los.
Sie redeten den ganzen Weg über den Brief und entschieden sich für Malack. Ihre Antwort schickte Malu später.
Die Scheune war leer. Luna sah durch das Fenster: keine Zellen mehr, kein Werkzeug auf den Tischen, und der Hirsch war fort.
Lyria bemerkte als Erste, dass jemand kam, und drückte die anderen an die Bretterwand. Es war Vessing, und bei ihm war ein jüngerer Mann, auf dessen Kleidung drei Kreise standen. Die beiden gingen hinein, und Luna spähte ihnen nach.
Es ging um den fünfundzwanzigsten Käfig. Es ging um „die Frau“, die man vielleicht nicht mehr brauche: Nach dem nächsten Auftrag solle Vessing sie gehen lassen, sagte der Jüngere, der Handel sei ohnehin fast ausgelaufen. Gebracht hatte er sie ihm selbst. Und räumen solle Vessing die Scheune. Bezahlt wurde Vessing von diesem Mann, und wie ihm das alles gefiel, war ihm anzusehen. Sie nahmen eine der Holzkisten mit und gingen.
Wenn die Hexe kam, dann hierher, und dann bald. Darauf lief alles hinaus, was sie wussten, also blieben sie.
Wolfgang und Lyria nahmen das Dach. Zweimal mussten sie klettern, bis sie oben waren: Wolfgang lief die Wand hinauf und riss sich mit einem Ruck über die Kante, Lyria nahm Anlauf, lief die Wand hinauf und landete neben ihm. Beim zweiten Mal rutschte sie ab. Wolfgang bekam sie am Arm zu fassen und zog sie hoch, mit einer Kraft, die man einem Goblin seiner Größe nicht zutraute, und mit sich selbst war er danach sehr zufrieden. Malu und Ludwig suchten sich unten ein Versteck in der Nähe.
Dann lagen sie flach auf den Brettern. Ein paar Stunden lang geschah nichts.
Im ersten Licht kam der große Wagen zurück. Wolfgang schickte Luna los, und in seinem Köcher begann Malacks Pfeil zu vibrieren.
Sie luden einen Käfig ab, kleiner als der des Eulenbären, aber groß genug, und darin bewegte sich etwas mit schwarzem Fell. Esna war dabei. Luna fand eine Ritze: ein Wolf, so groß wie eine Person, bewusstlos, ein wenig blutend, aber nicht schlimm.
Sie öffneten den Käfig, gingen hinaus und schlossen das Tor hinter sich.
Der Wolf kam langsam zu sich, und was zuerst wiederkam, war der Zorn. Er stand auf, und aus dem Schatten trat die Hexe. Der Wolf sprang, und sie hielt ihn an. Winselnd kroch er zurück, und sie ging ihm nach und setzte die Schnitte genau, eine nach der anderen, wie jemand, der seine Arbeit hundertmal gemacht hat.
Überall in der Scheune begann es zu flüstern. Der Ritualkreis leuchtete violett auf, und als die Hexe die Hand zurückzog, zog sie etwas mit heraus: einen grünen, schimmernden Geist. Der Wolf fiel um und war tot. Der Geist konnte nichts tun. In der Mitte des Kreises fuhren Tentakel um ihn und färbten ihn violett, und die Hexe nahm eine Flasche aus ihrem Beutel und sog ihn hinein.
Luna war schon bei den anderen. Malacks Pfeil spielte verrückt.
Malu und Ludwig standen vor dem Tor, ein Stück davon entfernt, und Lyria kam zu ihnen. Wolfgang blieb am Fenster und sah zu, wie es in der Scheune nach dem Ritual aussah: Das Flüstern war fort.
Dann sprengte ein Stoß dunkler Magie das Tor auf. Die Hexe hob den Blick zum Fenster, genau zu Wolfgang, und griff nach ihren Flaschen.
Die erste warf sie, und aus ihr stieg der Eulenbär.
Violett und durchscheinend stand er in der Scheune, und Wolfgang war trotzdem sicher, dass es der Eulenbär aus dem Wagen war, der, den sie nicht hatten retten können. Traf man ihn, flackerte für einen Augenblick ein Grün auf, das nicht zu dem Violett gehörte. Traf man die Hexe, geschah dasselbe.
Ludwig ging zu Boden, kam wieder hoch und ging wieder zu Boden. Malu hielt ihn am Leben und nicht nur ihn; wer in dieser Scheune noch stand, stand, weil Malu es so wollte.
Dann legte sich ein Zauber der Hexe auf Lyria, und Lyria lief. Die Furcht ließ ihr keine Wahl, und als der Eulenbär ihr nach wollte, stellte sich Malu ihm in den Weg und zog ihn auf sich, bis Lyria aus seiner Reichweite war.
Wolfgang schoss vom Fenster aus Pfeil um Pfeil auf die Hexe. Die zweite Flasche brachte einen Ettercap hervor, der Ludwig in ein klebriges Netz wickelte und ihn zu sich zog, bis Ludwig sich mit einem Stoß dunkler Magie freisprengte. Danach trafen Ludwig und Wolfgang die Hexe hart, wieder und wieder.
Irgendwo abseits ließ der Zauber von Lyria ab, und sie kam zurück.
Die Hexe hatte genug und wollte weg. Der Weg, den sie dafür nahm, führte an Lyria vorbei. Lyrias Klinge schnitt sie in zwei Teile.
Wolfgang durchsuchte die Tote. Er fand Geld, Kräuter und Schuppen, mit denen er nichts anzufangen wusste, und er fand die Flaschen. Eine nach der anderen öffnete er sie.
Die Geister strömten heraus, grün und leuchtend, und die Gruppe lief ihnen nach in den Wald. Zwischen den Bäumen verschwanden sie, einer nach dem anderen.
Einer blieb. Ein Hirsch.
Wolfgang ging langsam auf ihn zu, und Malack nahm ihn in die Arme. Die Kraft, die diese Nacht gekostet hatte, gab sie allen zurück, als hätte niemand von ihnen gekämpft. Für Wolfgang hatte sie noch etwas.
Es war ein Bogen, gefertigt aus dem Geweih des letzten Hirsches, den die Hexe getötet hatte. Smaragde saßen darin, die Sehne war dunkelgrün, und in dem Geweih lag die Kraft der Geister, die er befreit hatte. Als Wolfgang ihn spannte, lag ein Pfeil darauf, den er nicht eingelegt hatte. Die Pfeile würden ihm nie mehr ausgehen.
Was aus dem Hirsch in dem Käfig geworden war, wusste keiner von ihnen.
Das Geld der Hexe teilte Wolfgang mit allen. Lyria zog einen Ring hervor, den sie von Mae hatte, und ritzte eine Kerbe hinein. Niemand fragte, wofür. Dann brachen sie auf, nach Esterin.