Unter Phirun
8 Minuten Lesezeit · Zusammenfassung von Session 7
Ludwig wachte in einem nassen Bett auf.
Das allein hätte ihn nicht gewundert. Aber neben ihm saß Luna, ebenfalls nass und so beleidigt, wie nur ein nasses Tier sein kann. Ludwig seufzte, nahm sein Hemd und rubbelte sie vorsichtig trocken. Luna ließ es sich gefallen, doch vergeben hatte sie ihm noch lange nicht.
Unten war die Taverne schon wieder brechend voll, und die Musik spielte so laut wie am Vortag. Ludwig stellte sich an die Bar und wartete. Wolfgang kam als Nächster, Luna landete auf seinem Hut, und dann begann für Wolfgang der gefährlichste Teil des Tages: der Weg durch eine Menge, in der ihn niemand kommen sah. Er überlebte ihn knapp.
Malu dagegen musste sich keinen Weg bahnen. Als sie in voller Rüstung die Treppe herunterkam, wich die Menge vor ihr zurück wie Wasser vor einem Schiffsbug. Alle hielten sie für eine Ordnungshüterin. Wer ihrem Blick begegnete, sah hastig woanders hin.
„Ordnungswichtel“, murmelte Wolfgang anerkennend.
Lyria stand plötzlich neben ihnen, als wäre sie schon immer dagewesen. Ludwig gab die Schlüssel zurück, und sie gingen.
Am Stadtrand reihten sich ein paar Läden aneinander. Die Haare des Schmieds schienen zu rauchen, und während Lyria mit ihm über ihren rostigen Dolch verhandelte, ließ er ein Messer durch seine Finger tanzen, als wäre es ein Spielzeug. Lyria handelte ihn trotzdem herunter. Wolfgang ließ für ein einziges Gold seinen Bogen verstärken und kam sich dabei sehr gerissen vor.
Der Trankladen nebenan war seltsam, noch bevor sie das Mädchen sahen. Das Glas in den Regalen wabbelte leicht, wenn man es ansah, und es war warm. An einem Tisch voller Kräuter saß ein junges Mädchen, und auf ihrem Kopf glänzte ein pinkes Juwel.
„Heiltränke“, sagte sie zu Wolfgang. „Klein, mittel, groß.“
Wolfgang sah zu den anderen und dann wieder zu dem Juwel. Als er sie vorsichtig danach fragte, veränderte sich etwas in ihrem Blick, etwas, das nicht in das Gesicht eines Mädchens gehörte, und er trat den Rückzug an.
Ihr Name war Arina. Sie verkaufte Tränke für Sprungkraft, gegen Feuer und für Unsichtbarkeit, und alle waren teuer. Dann wandte sie sich an Lyria und nannte sie beim Namen.
Niemand hatte ihn ihr gesagt.
„Wir führen den Laden“, sagte Arina.
Wir.
Sie wusste Dinge über Lyria, die sie nicht wissen konnte, und sie sagte Lyrias Namen noch ein zweites Mal, als wolle sie sichergehen, dass es alle gehört hatten. Wolfgang, Lyria und Ludwig tauschten Blicke, und ohne ein Wort war es beschlossen: Dieses Juwel musste weg. Nicht heute, nicht hier, aber bald.
Lyria versuchte, unbemerkt an die Trankkiste zu gelangen, doch Arina sah es sofort. Also kaufte Lyria eben einen Unsichtbarkeitstrank, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt. Malu handelte die Preise für ein paar Heiltränke herunter. Und zum Abschied wandte sich Arina nur an eine von ihnen: an Lyria.
Draußen atmeten alle auf. Malu verteilte die Tränke und ging noch einmal hinein, um zu spüren, was dort drinnen vor sich ging. Sie spürte nichts, und das war beinahe noch unheimlicher.
Lyria führte sie zu dem Ort, an den die Wagen der Tierfänger gefahren waren, zu einer Scheune.
Luna spähte durch ein Fenster. Drinnen lag ein einziger riesiger Raum voller übereinandergestapelter Zellen. An den Wänden waren Kreidezeichnungen, auf dem Boden Blut, und der Boden sah aus, als hätte er einmal gebrannt. Die Zellen waren leer. Nur zwei Schlüssel entdeckte Luna, einen silbernen in Form eines Herzens und einen größeren aus Bronze.
Lyrias erster Versuch am Schloss scheiterte im allerletzten Moment. Der zweite gelang.
Ludwig beugte sich über Schriftrollen voller Städtenamen und Warennummern. Eterna stand darauf, Phirun, Orte, die kaum etwas miteinander gemein hatten. Esnas Name. Und eine handschriftliche Notiz: eine Auktion im Kessel. Einen der Orte kannte Lyria. „Esterin“, sagte sie. „Da will man nicht sein.“ Die Runen auf dem Boden hatte Ludwig noch nie gesehen.
Wolfgang hörte nicht mehr richtig zu. In einem der Käfige lag ein Hirsch.
Seine Wunden waren sauber, zu sauber, als hätte jemand mit ruhiger Hand an ihm gearbeitet. Wolfgang öffnete den Käfig und zog das Tier behutsam heraus. Der Hirsch atmete. Aber er rührte sich nicht, sah nichts, reagierte auf nichts, und es war nicht einmal Magie im Spiel, die man hätte brechen können.
Wolfgang saß lange neben ihm auf dem Boden.
Am Ende einigten sie sich darauf, alles so zu lassen, wie sie es vorgefunden hatten. Wer immer diese Scheune betrieb, durfte nicht merken, dass jemand hier gewesen war. Wolfgang wusste, dass es vernünftig war. Er hasste es trotzdem. Er legte den Hirsch zurück in den Käfig, schloss die Tür und legte die Schlüssel an ihren Platz.
Ludwig nahm sie wieder mit, als niemand hinsah.
In der Stadt selbst, hinter dem bewachten Tor, war es ruhiger, und alles wirkte schöner. Malu zog Ludwigs Mantel über ihre Rüstung, um nicht wieder für eine Ordnungshüterin gehalten zu werden, und Lyria folgte den Wegweisern bis zu einem vornehmen Gebäude mit einer Lilie im Wappen.
„Ich brauche dein Kleid“, sagte sie zu Malu.
Malus feine Kleidung war dunkelblau mit goldenen Mustern und aus einem Stoff, den Lyria sich nie hätte leisten können. Sie versteckte zwei Dolche darunter, drückte Malu ihre eigenen Sachen in die Arme und trat ein. Am Eingang nannte sie sich Malu.
Drinnen roch es nach Blumen. Pinke Flammen brannten in den Lampen, und von der Treppe in den Keller stieg Wärme herauf. Unten lag ein Badehaus, und die Gäste im Wasser kamen sich dort sehr nahe. Lyria ging wieder hinauf. Dann ging sie wieder hinunter, gab ihr Kleid ab, wickelte sich in ein Handtuch und schritt an den Badenden vorbei, als gehöre ihr das Haus. Hinter einem Vorhang begann ein Tunnel.
Mit jedem Schritt wurde es kühler. Wo die Metallverkleidung endete und nur noch nackter Stein blieb, leuchteten Glyphen auf, voller Illusionsmagie. Berührte man sie, flackerten sie und verschwanden. Der Tunnel wand sich lange hinab. Schließlich stand Lyria an einem kleinen unterirdischen Bach vor einem Tor, das sich von ihrer Seite nicht öffnen ließ, und hinter dem Tor rauschte viel Wasser. Sie klopfte. Nichts.
Oben vor dem Badehaus saßen die anderen drei und spielten Karten. Niemand beachtete sie.
Hinter der nächsten Glyphe teilte sich der Gang. Lyria kniete sich hin und strich über den Stein: Rechts war der Boden viel glatter als links, dort gingen offenbar mehr Füße. Sie nahm den linken Weg, berührte die nächste Glyphe, und Feuer schlug ihr entgegen. Sie warf sich zur Seite. Ihr Handtuch schaffte es nicht.
Lyria fluchte leise, ging zurück und fand einen anderen Weg nach oben: einen fensterlosen Raum, eine Falltür, eine Tür nach draußen. Ein geheimer Ausgang. Sie merkte sich den Weg genau. Dann lief sie den ganzen Tunnel zurück und marschierte nackt und angesengt durch das Badehaus, an den fassungslosen Angestellten vorbei, bis zu ihrem Kleid.
Als sie wieder vor den anderen stand und die Kleider tauschte, sah Malu sie lange an und dachte sich ihren Teil. Lyria ließ sie denken, was sie wollte.
Über den geheimen Ausgang stiegen sie zu viert hinab. Diesmal merkte sich Ludwig jede Glyphe, und diesmal brannte nichts. Hinter dem Tor lagen leere Becken mit rostigen Eisenstäben, und steile Wege führten weiter in die Tiefe, dem Lärm entgegen, der von irgendwo heraufdrang. Luna flog voraus bis zu einer Brücke. Mit einer Räuberleiter und einem Seil kamen alle hinauf, und Malu stupste Lyria unterwegs dreimal an, einfach so.
Dann standen sie vor einer Tür. Ludwig zog die Schlüssel aus der Scheune hervor, die Wolfgang so ordentlich zurückgelegt hatte, und steckte den ersten ins Schloss.
Er passte.
Die Halle dahinter war so riesig, dass sich ihr Ende im Dunst verlor. Vor den Türen standen Wachen, und auf ihrer Kleidung prangte ein gebrochener Kreis. Lyria ging voraus, nickte ihnen zu, als käme sie jeden Tag hierher, und die Gruppe ging einfach an ihnen vorbei.
Dahinter öffnete sich ein gewaltiger runder Raum, tief wie ein Brunnen, und ganz unten schaukelten Boote auf dem Wasser. An den Wänden klebten Läden, im ersten standen Kisten voller pinkem Pulver. Lyria drückte einer Wache ein Goldstück in die Hand und fragte nach einem Mann namens Vessing.
Und dann sah sie Esna.
„Ab jetzt heiße ich Josef“, flüsterte Wolfgang. „Falls jemand fragt.“
Er und Lyria folgten der Druidin bis ganz nach unten zu einer Plattform, die wie ein Aufzug wirkte. Dort traf Esna eine Frau, die Wolfgang sofort nicht mochte. Sie trug dunkle Kleidung, ihr sehr langes dunkles Haar steckte voller weißer Nadeln, Zeichen zogen sich über ihr Gesicht, und an ihrem Gürtel leuchteten Flaschen. Eine Hexe, dachte Wolfgang, und besorgte sich schnell einen schwarzen Mantel.
Die beiden setzten sich ein paar Reihen hinter Esna und die Hexe. Zwischen den Frauen saß ein Mann mit zwei Kreisen als Zeichen, und bald wurde klar, wo sie gelandet waren: bei einer Auktion. Tränke wurden versteigert und Sprengstoff, dann eine Kiste mit teurem grünem Pulver, das jeden bewusstlos macht, der es einatmet. Der Mann mit den zwei Kreisen kaufte sie. Zuletzt kam etwas, das der Auktionator Schattenstahl nannte.
Nach einer halben Stunde standen die drei auf und stiegen mit zwei Trägern hinunter zu einem Boot. Wolfgang und Lyria gingen ihnen nach. Die Hexe drehte sich um, noch bevor sie nah genug waren, und sah ihnen direkt entgegen. Ein großer Mann neben ihr wirkte genervt.
„Wir suchen Vessing“, sagte Lyria.
Der große Mann war Vessing.
Erst in diesem Moment fiel Lyria ein, dass Esna sie kannte. Doch Esna, die offenbar Vessings Gehilfin war, ging einfach davon, und die Hexe sah Lyria nur weiter an.
Die Gruppe beschloss, zu Vessings Treffen zu gehen und einen Auftrag anzunehmen. Wolfgang gab Ludwig seinen Pfeil, und drei Stunden später gingen er und Lyria an der Hexe vorbei in einen Raum, der wie ein kleines Büro aussah. An der Wand hing ein Zeichen aus Auge und Dolch.
Hier ging es vor allem um die Jagd, erfuhren sie, und jede Jagd brachte etwa fünfzig Gold. Die Hexe hatte nie mit Vessing gesprochen. Sie verstand die Sprache, aber sie sprach sie nicht. Und der Kreis hatte Ränge: Wer mehr Kreise trug, stand höher, der höchste Rang trug fünf, und wer über einem stand, den kannte man normalerweise nicht. Der Kreis breitete sich nach Westen aus, und in größeren Städten zeigte er sich auch über der Erde.
Als sie wieder an die Oberfläche stiegen, ging die Sonne auf. Sie kehrten in ihre alte Taverne zurück und tranken noch etwas, müde und still.
Wolfgang sah in den Morgenhimmel und dachte an einen Hirsch in einem Käfig, der atmete und nichts mehr sah. Und wieder fürchtete er, dass Malack ihm das nicht verzeihen würde.