Der Traum war vorbei, doch wirklich aufwachen konnte die Gruppe noch lange nicht.

In ihrer letzten Nacht in Weizwasser hatten sie alle denselben Traum geträumt. Er hatte sie in eine Arena auf einer anderen Ebene geführt, weit fort von allem, was sie kannten, und dort hatten sie sogar gegeneinander gekämpft. Ludwig war gegen ein Irrlicht angetreten und hatte gewonnen, und zum Lohn hatte er eine Münze bekommen. Sie war aus Bronze, Hörner und ein Gesicht waren darauf zu sehen, und von ihr ging eine unstete, dämonische Magie aus.

Als der Traum endete, kam der Nebel. Rot und schwer legte er sich über sie alle, nur über Ludwig nicht. Das Tückische daran war, dass keiner von ihnen etwas davon merkte. Für jeden fühlte sich alles ganz gewöhnlich an. Sie glaubten aufzustehen, zu gehen und zu reden, doch in Wahrheit rührten sich ihre Körper nicht.

Die anderen schliefen oben in ihren Zimmern. Lyria saß unten auf einem Stuhl am Tisch bei der Tür, meditierte als Ludwig aus seinem Zimmer die Treppe herunterkam. Ohne es zu ahnen, befreite er sie. Als er ihr nahe kam, löste sich der rote Dunst ganz plötzlich von ihr, schoss auf ihn zu und war verschwunden, und Lyria kam zu sich. Keiner der beiden begriff, was eben geschehen war.

Sie stieg die Treppe hinauf und öffnete die Tür zu Malus Zimmer. Dort lag Malu in ihrem Bett, in ein tiefes Rot getaucht, und von ihr ging eine seltsame Wärme aus. So wollte Lyria sie lieber nicht anfassen, also griff sie nach einem rostigen Dolch und stupste Malu mit dem Griff an.

Malu bewegte sich nicht. Ihre Augen blieben geschlossen, und trotzdem fing sie an zu reden, ganz so, als wäre nichts geschehen, denn für sie war auch nichts geschehen. Lyria antwortete, und so entspann sich ein Gespräch mit einer Malu, die reglos in ihrem Bett lag und davon nicht das Geringste merkte. Es war wohl das Seltsamste an dieser ohnehin seltsamen Nacht.

Schließlich lief Lyria wieder die Treppe hinunter zu Ludwig. Malu wollte mitkommen, und für sie fühlte es sich genau so an, als ginge sie mit Lyria die Stufen hinab. Doch ihr Körper lag noch immer oben im Bett, und als sie mit den beiden sprechen wollte, kam ihre Stimme nicht von der Treppe, sondern aus dem Zimmer.

Unten setzten Lyria und Ludwig zusammen, was sie erlebt hatten, und endlich begriffen sie: Es war Ludwigs Münze gewesen, die den roten Dunst aus Lyria gezogen hatte. Also stiegen sie gemeinsam wieder hinauf, um Malu herauszuholen.

Kaum stand Ludwig mit der Münze neben dem Bett, wurde Malu mit einem Ruck zurück in ihren Körper gezogen. Sie schlug die Augen auf und war so verwirrt, dass sie erst einmal prüfen musste, ob sie wirklich in ihrem Bett lag. Dann wollte sie als Erstes wissen, ob mit den anderen alles in Ordnung war.

Blieb nur noch Wolfgang, und auch ihn holte Ludwig aus dem Nebel. Als endlich alle wach waren, stellten sie fest, dass jeder von ihnen denselben Traum gehabt hatte. Ludwig betrachtete die Münze lange und nachdenklich, doch was es mit ihr und mit diesem Traum auf sich hatte, konnte keiner sagen.


Am Morgen verabschiedeten sie sich von Erwin, so wie der alte Kleriker es sich gewünscht hatte. Lyria hatte dazu wenig Lust, und Ludwig ging es kaum anders, also hielten sich die beiden im Hintergrund, als Malu an Erwins Tür klopfte. Viele Worte machte Erwin nicht. Er wünschte ihnen viel Glück, und bald lag Weizwasser hinter ihnen.

Den Weg wies ihnen Wolfgangs Pfeil. Grün leuchtend zeigte er beharrlich in eine Richtung, fort von Tisir und hinein in den Wald, und die Gruppe folgte ihm.

Wolfgang saß, wie so oft, auf Ludwigs Schultern und genoss den Überblick, als säße er in einem Ausguck. Von dort oben schickte er Luna voraus, und während Ludwig ihn durch das Unterholz trug, sah Wolfgang durch ihre Augen. Schon bald stießen sie auf die ersten Zeichen, dass hier jemand gejagt hatte. In einem Baumstamm steckte ein Pfeil, der wohl von Tierfängern stammte, und Luna entdeckte die Spuren eines großen Tieres mit grauem Fell, das hier gefangen worden sein musste. Wolfgang kam das seltsam vor, und weil er Tiere liebte, ging es ihm nahe.

Später stieg zwischen den Bäumen Rauch auf. Die Gruppe ging ihm nach und fand ein kleines Lager, in dem ganz offensichtlich etwas getobt hatte. Etwas Schweres war fortgeschleift worden, und in dem Durcheinander fand Wolfgang eine Wünschelrute aus weißem Holz mit einem grünen Stein, die er an sich nahm. Luna stöberte außerdem ein Pulver auf, dass die Gruppe mitnahm.

Am Abend setzte Regen ein. Ludwig und Wolfgang flochten aus Blättern ein Dach, und darunter saßen die vier, hörten dem Regen zu, der auf die Blätter trommelte, und warteten, bis die Nacht vorüber war.


Am nächsten Morgen lag ein großes Wagenrad mitten auf der Straße, und nicht lange danach hörten sie etwas. Wolfgang schickte Luna los, und sie entdeckte drei Wagen, die über die Straße zogen, begleitet von sechs Männern.

Für die Gruppe gab es kaum einen Zweifel, dass das die Tierfänger waren, und sie wollte mehr über sie erfahren. Lyria wartete gar nicht erst ab, ob die anderen einverstanden waren, sondern schlich sich als Erste seitlich an die Wagen heran. Viel Vorsicht brauchte es dafür nicht, denn der Bogenschütze auf einem der Wagen war sturzbetrunken.

Dann gingen Malu und Ludwig offen auf die Fremden zu, während Wolfgang und Lyria sich auf der linken Seite heranpirschten, um den beiden notfalls beizustehen. Der Mann auf der rechten Seite des Wagens bemerkte Malu und Ludwig, und bald waren sie im Gespräch.

Ludwig gab sich alle Mühe, den Fremden etwas zu entlocken, doch sie blieben wortkarg, und er nahm es gelassen. Ein paar Dinge bekamen die beiden trotzdem mit. Die Fänger waren auf dem Weg nach Phirun, und im letzten Wagen schlief ihr Fang: ein Eulenbär. Das graue Fell im Wald hatte also ihm gehört, und im Lager war der Schlafzauber auf ihm verflogen, was das Durcheinander dort erklärte. Als Wolfgang davon hörte, ging ihm das besonders nahe. Außerdem reiste eine Druidin mit den Fängern, und sie suchten nach einem Stab.

Den Eulenbären wollte die Gruppe befreien, doch dafür musste sie mehr wissen. Malu und Ludwig konnten sich nach diesem Gespräch aber kein zweites Mal bei den Fängern blicken lassen, ohne Verdacht zu erregen. Also zogen die beiden friedlich weiter, und Wolfgang und Lyria gingen stattdessen zu den Wagen und fragten, ob sie ein Stück mitfahren dürften.

Die Fänger nahmen sie mit, ohne lange zu fragen, und das war beinahe zu einfach. Den Grund erfuhren die beiden erst am Wagen. Die Druidin, eine junge Frau namens Esna, hatte gespürt, dass Wolfgang die Wünschelrute aus dem Lager bei sich trug, und nun sprach sie ihn darauf an: Es war ihre eigene Rute, die sie verloren hatte und nach der die Fänger suchten. Esna bekam sie zurück.

Die beiden kletterten auf den Wagen und setzten sich zu Esna. Sie war es, die diesen Zug leitete, und doch war sie freundlich, freundlicher, als man es von der Anführerin einer solchen Unternehmung erwartet hätte. Sie erzählte ein wenig und wollte wissen, wohin die beiden unterwegs seien. Wolfgang sagte kaum etwas, und weil er den Fängern nicht über den Weg traute, stellte er sich als Josef vor. Umso mehr redete Lyria, und sie machte das so geschickt, dass Esna im Lauf der Fahrt verriet, wer hinter all dem steckte: Die Fänger arbeiteten für den Gebrochenen Kreis.

Einer der Männer draußen wunderte sich zwar über die beiden Fremden bei der Druidin, ließ es aber auf sich beruhen. Kurz vor Phirun stiegen Wolfgang und Lyria ab, und einen Augenblick später war Lyria verschwunden. So selbstverständlich, als hätte sie das schon unzählige Male getan, folgte sie den Wagen, ohne dass jemand sie bemerkte. Als sie zurückkam, wusste sie, wohin die Fänger gefahren waren, und gab recht verhalten zu, dass sie sich in der Unterwelt sehr gut auskannte.


Am Rand von Phirun fand die Gruppe wieder zusammen. Den Eulenbären hatten sie nicht retten können, und vermutlich war er längst tot. Wolfgang ahnte, dass Malack ihm das nicht so leicht verzeihen würde.

Viel Geld hatten sie nicht, also begnügten sie sich mit einer einfachen Herberge am Stadtrand. In der Taverne drängten sich die Leute, obwohl es erst Morgen war, und endlich spielte wieder Musik, wenn auch viel zu laut.

Die anderen tranken Bier. Malu wollte keines, also bot der Wirt ihr Wein an, und dafür ließ er sie weit mehr bezahlen als die anderen für ihr Bier. Es wurde trotzdem ein ausgelassener Abend, und sie alle genossen ihn.

Später, als es in der Gaststube ruhiger wurde und die Musik leiser, ging es zum ersten Mal um mehr als den nächsten Auftrag. Den Anfang machte Ludwig, der von Malu wissen wollte, woher sie eigentlich so reich sei.

Malu erzählte offen und ausführlich. Ihre Familie, die Solanums, arbeitete mit Tränken, und sie war in einem wohlhabenden Haus aufgewachsen, in dem sie sich trotzdem nie willkommen gefühlt hatte. Nur ihre Mutter hatte sie wirklich gern, und die beiden schrieben sich noch immer Briefe. Malu wollte unabhängig sein und Menschen finden, bei denen sie sich wohlfühlte, und als die Einladung der Gilde kam, vielleicht wegen ihrer Ausbildung, vielleicht auch wegen des Geldes, verließ sie ihr Zuhause.

Lyria erzählte deutlich weniger, und das nur zögerlich. Sie war praktisch in der Unterwelt aufgewachsen und hatte dort zu einer Gruppe gehört, die irgendwann auseinandergerissen worden war. Danach hatte sie eine Weile allein gearbeitet, und mehr gab sie nicht preis. Malu, die selbst so viel erzählt hatte, kam das verdächtig vor, und damit war sie nicht allein.

Ludwig schließlich hatte ein gutes Leben gehabt, bis ein Monster seine Heimat überfiel und seine Familie tötete. Abenteurer brachten ihn damals zur Gilde, und dort begann er zu arbeiten. Warum er Waffen aus dem Nichts ziehen konnte, wusste er selbst nicht, und ganz geheuer war ihm diese Macht nicht; er begegnete ihr mit Respekt und auch mit ein wenig Furcht. Als er vor den anderen Schwerter aus dem Nichts hervorholte, war Malu völlig verblüfft.

Irgendwann gingen sie in ihre Zimmer, die für den Preis erstaunlich gut waren, auch wenn keines ein Fenster hatte. Malu legte ihre Rüstung ab und schlief ein, Ludwig und Wolfgang taten es ihr gleich, und Lyria setzte sich so, dass sie Malu im Blick hatte, und kümmerte sich um ihre Waffen.