Am nächsten Morgen drangen durch das Fenster von Colvas Haus Geräusche, die Weizwasser bei ihrer Ankunft gefehlt hatten: das Muhen der Rinder, das Gackern der Hühner, Hufe auf der Gasse. Die Tiere waren zurück. Der Drake war tot, und das Dorf lebte wieder.

Lyria war gesund, doch so erschöpft, als hätte man ihren Körper aus Blei gegossen. An das meiste erinnerte sie sich, auch an ihre Träume, und vielleicht hörte sie noch immer, ganz leise, das Lachen.

Malu kam, um nach ihrer Wunde zu sehen. Mehr als das ließ Lyria nicht zu: Es gehe ihr gut, sagte sie, sie brauche keine Hilfe. Die Treppe ging sie allein hinunter, Stufe für Stufe, und Malu sah ihr nach und verstand nicht im Geringsten, warum jemand, der eben noch mit dem Tod gerungen hatte, jede helfende Hand ausschlug.

Godfrey war fort. In der Nacht war er verschwunden, und niemand wusste, wohin. Auch Colva brach an diesem Morgen auf: Ludwig sah ihn davonfahren, nun, da der Drake tot war und die Wege wieder sicher.

Später hielt Lyria einen goldenen Ring in der Hand und fragte leise, mehr zu sich selbst als zu irgendwem, wo jemand sei. Wen sie meinte, sagte sie nicht. Doch in ihren Fieberträumen war immer wieder ein Gesicht aufgetaucht, das nicht zu den anderen gehörte.


Wolfgang ging zu Erwin. Eigentlich wollte er die Belohnung abholen, doch zuerst fragte er den alten Kleriker nach etwas ganz anderem, nach seiner Begegnung mit einer Göttin. Die Belohnung bekam er trotzdem, und zurück bei den anderen teilte er sie mit allen.

Dann erzählte er ihnen von Malack und zeigte ihnen das Zeichen auf seiner Stirn. Viel erklären musste er nicht. Er hatte den weißen Axtkopf mitgebracht, und ohne ihn wäre Lyria jetzt tot. Dass sie der Göttin helfen mussten, stand damit fest, und etwas anderes hatten sie ohnehin nicht vor.

Malu und Wolfgang versuchten gemeinsam, Malack zu rufen, doch nichts geschah. Also baten sie Erwin um Hilfe. Ob es gut oder schlecht sei, dass Wolfgang der Göttin begegnet war, konnte er nicht sagen. Er lieh Wolfgang ein Buch, das seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollte, und riet ihm, sich ernsthaft mit den Göttern zu beschäftigen.


Malu glaubte an Torm, die Göttin des Mutes und der Selbstaufopferung. Sie war reich aufgewachsen, und doch war ihre Kindheit nicht leicht gewesen, und schon damals hatte sie mutig sein wollen, wenn andere es nicht konnten. Nun gab ihr Glaube ihr genug Kraft, um einen Eid abzulegen.

Erwin führte sie zu seiner Gebetsstätte unter freiem Himmel, dorthin, wo er immer betete, und Wolfgang kam mit. Erwin erklärte ihr, wie eine solche Zeremonie vor sich ging. Einmal hatten Kleriker einen der ihren umringt, der eine Verbindung zu seiner Gottheit aufbauen wollte, zu Lira, der Göttin der Freude, und gemeinsam war es ihnen gelungen. Dann bereiteten Malu und Erwin den Ort vor, und Erwin warnte sie vor den Folgen, falls sie ihren Eid je brechen sollte.

Dann sprach Malu:

Ich werde ehrlich sein und mein Wort halten. Ich werde mutig sein, und ich werde mich nicht scheuen zu handeln. Ich werde Mitgefühl zeigen, ich werde anderen helfen und jene schützen, die es benötigen. Ich werde andere fair behandeln und Gutes tun, wie es in meinem Ermessen möglich ist. Ich werde Verantwortung für meine Taten und deren Folgen übernehmen. Göttin Torm, ich werde mit den besten Intentionen handeln und meine Versprechungen einhalten, so gut es mir möglich ist.

Die Runen auf dem Stein begannen silbern und golden zu leuchten. Die Kerzen entzündeten sich von selbst, und ihre Flammen stiegen zum Himmel. Ein Schimmer sank herab wie feiner Regen aus Licht und legte sich über den Ort, am hellsten über Malus Schild, ihr Schwert und ihren Kopfschmuck.

Malu setzte den Kopfschmuck auf und nahm Schwert und Schild. Etwas fiel von ihr ab, und an seine Stelle trat Mut, ruhig und warm, und der Wunsch, anderen zu helfen, wurde stärker als je zuvor. Das Leuchten verging. Das Gefühl blieb.

Erwin betete still weiter und bestätigte ihr schließlich, dass es funktioniert hatte. Malu brauchte einen Moment, um zu begreifen, was eben geschehen war. Sie dankte Erwin, und im Stillen dankte sie auch ihrer Göttin.


Dann trat Wolfgang zwischen die beiden. Erwin und Malu beteten zu ihren Göttern, und Wolfgang wandte sich an Malack.

Diesmal geschah etwas. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Körper aus, und einer seiner Pfeile begann grün zu leuchten und drehte sich, bis er in eine Richtung wies. Das Gefühl verließ Wolfgang wieder. Der Pfeil aber leuchtete weiter und zeigte beharrlich in dieselbe Richtung.

Danach machten sie sich auf den Rückweg zu den anderen.


Lyria und Ludwig hatten derweil bei Colvas Haus gewartet, und die Zeit wurde lang. Irgendwann kam es zu einem Kräftemessen zwischen Lyria und Billy, einem der Kinder von Mila und Palo, und Lyria verlor, gegen ein Kind. Das Gift steckte ihr noch immer in den Knochen, und dass sie schwächer war als ein Bauernkind, kratzte gewaltig an ihrem Stolz.

Ludwig saß daneben und hörte noch immer die Glocken, leise, aber beharrlich, wie seit jenem Tag im Wald.


Als Malu und Wolfgang zurückkamen, saßen die beiden schon seit sechs Stunden dort.

Erwin war inzwischen eingeschlafen, und Malu ging noch einmal zu ihm, um ihn zu wecken. Der alte Mann hatte etwas auf dem Herzen: Colva hatte ihn verlassen, ohne ein Wort zu sagen, und das brach ihm das Herz. Er bat Malu, dass sich die Gruppe am nächsten Tag von ihm verabschiede.

Lyria fand, dass sie sich nicht verabschieden müssten. Hassen tat sie den alten Mann nicht, doch er war ihr zu alt, zu langsam und zu anstrengend, und einen Abschied hielt sie für überflüssig. Malu ärgerte sich über sie.

In dieser Nacht war jeder von ihnen mit sich allein.

Malu betete vor dem Schlafen, und wieder spürte sie den Mut, den der Eid in ihr geweckt hatte. Wolfgang betrachtete seinen Pfeil, der noch immer grün leuchtete und in dieselbe Richtung wies, dachte an das, was geschehen war, und fühlte sich dem Glauben näher als je zuvor. Ludwig zog ein Großschwert aus dem Dunkel. Und Lyria hielt an der Eingangstür Wache.