Sie kehrten in den Raum mit den Käfigen zurück, vorbei an den Knochen und an der kleinen Statue, deren Augen noch immer bluteten, und sammelten sich an dem Riss, durch den Tivin die Stimmen gehört hatte. Dahinter lag kein Raum des Heiligtums mehr, sondern eine Höhle, und irgendwo in ihrer Dunkelheit bewegte sich jemand. Keiner sprach. Dicht beieinander standen sie hinter dem Spalt im Fels und lauschten.

Wolfgang schickte Luna voraus. Er schloss die Augen und sah durch ihre: den engen Spalt, dann Weite, dann Bewegung im Halbdunkel, drei Gestalten, die sich umwandten. Das Letzte, was er durch Luna sah, war ein Pfeil, der auf sie zuflog. Dann riss das Bild ab, und er war wieder allein in seinem eigenen Kopf, und die Angst um Luna schnürte ihm die Kehle zu.

Nun wussten die drüben, dass jemand da war, und für einen Augenblick war es auf beiden Seiten des Risses vollkommen still.

Dann trat Godfrey hinaus. Er wollte die Fremden davon überzeugen, dass niemand kämpfen musste, hob die Hände und rief hinüber:

„Hallo Leute, nicht schießen!“

Auf der anderen Seite senkte niemand den Bogen.

Stattdessen trat ihre Anführerin vor, eine junge Frau mit sehr bleicher Haut, auf der an manchen Stellen grünliche Schuppen schimmerten, mit langem dunklem Haar und schmalen Augen, und wenn sie sprach, sah man ihre Giftzähne. Selma war eine Yuan-Ti, und sie trug eine Uniform, deren Abzeichen der Gruppe noch nichts sagte. Sie ließ Godfrey reden.

Und Godfrey redete. Je länger er redete, desto tiefer grub er sich hinein, und hinter dem Riss konnten die anderen nur zuhören, wie er sich um Kopf und Kragen sprach. Irgendwann sagte er, was er unter keinen Umständen hätte sagen dürfen: dass sie die Kugel hatten.

Selmas schmale Augen wurden noch schmaler.

Von da an war es kein Gespräch mehr, sondern ein Angebot. Gaben sie ihr die Kugel, durften sie unbehelligt gehen. Mit einem einzigen Satz hatte Godfrey aus ein paar Fremden, die sich hinter einem Riss versteckten, Leute gemacht, die etwas besaßen, das ein anderer unbedingt haben wollte.

Darauf konnten und wollten sie sich nicht einlassen. Die Kugel hatte Tivin, und wer so hinter ihr her war wie diese Leute, hatte damit nichts Gutes vor. So begann der Kampf.


Selma war schnell. Ehe Lyria ausweichen konnte, war die Yuan-Ti bei ihr, und ihre Zähne gruben sich in Lyrias Fleisch. Der Schmerz war scharf und kurz, doch was danach kam, blieb: ein Brennen, das sich unter der Haut ausbreitete, als flösse Feuer durch ihre Adern. Lyria biss die Zähne zusammen und kämpfte weiter.

Um sie herum klirrte Stahl, Pfeile schlugen gegen den Fels, und einer nach dem anderen gingen die Banditen zu Boden, fünf waren es wohl insgesamt. Tivin und Tug waren mitten im Getümmel, doch viel ausrichten konnten die beiden Kobolde nicht. Selma fiel durch einen Pfeil, der ihr den Hals durchbohrte, und abgeschossen hatte ihn ausgerechnet Godfrey, der eben noch mit ihr verhandelt hatte.

Einer aber war schneller als alle anderen: Enso, ein junger, gut aussehender Halbelf, der sich bewegte, als gehöre ihm der Raum. Er riss Tivin die Kugel aus den Händen, und bevor der Kobold begriff, was geschehen war, flog sie schon in hohem Bogen durch die Luft, zu einem Bogenschützen am Eingang der Höhle. Der Schütze fing sie auf und war hinaus in den Wald verschwunden.

Enso selbst kam nicht mehr weg. Sie rangen ihn nieder und fesselten ihn.

Kaum war es vorbei, lief Wolfgang als Erstes zu Luna. Der Pfeil hatte sie getötet. Für immer verloren war sie trotzdem nicht, denn Wolfgang konnte sie zurückrufen.


Lyria und Ludwig setzten dem Schützen nach, hinaus durch den Höhleneingang und in den Wald, dem Knacken der Zweige hinterher. Sie waren schneller als er, und der Abstand schrumpfte.

Doch mit jedem Schritt wurde Lyrias Körper schwerer. Das Brennen in ihren Adern war zu einem Fieber geworden, der Waldboden schwankte unter ihren Füßen, und die Bäume verschwammen vor ihren Augen. Dann gaben ihre Beine einfach nach.

Ludwig blieb stehen. Vor ihm verschwand der Schütze mit der Kugel zwischen den Bäumen, hinter ihm lag Lyria am Boden, und er musste sich entscheiden. Er entschied sich für Lyria. Er ließ den Schützen laufen, hob sie auf und trug sie zurück in die Höhle, wo die anderen Enso verhörten.


Das Gift ließ Lyria nicht mehr los. Das Fieber stieg, und mit dem Fieber kamen die Bilder, eines nach dem anderen, so wirklich, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war.

Sie stand wieder im Kampf gegen die Banditen, und vor ihr stand die Schlangenfrau, ganz nah, mit ihren schmalen Augen. Lyria hätte damals sterben sollen, sagte sie, und Mae wäre enttäuscht. Dann stach sie zu.

Dann war da Wasser, schwarz und eiskalt, und der Drake hatte sie gepackt und zog sie hinab. Über ihr, hell und unerreichbar, lag der Rand des Wasserlochs, und dort standen die anderen und sahen ihr zu. Keiner von ihnen rührte sich, um ihr zu helfen.

Dann war sie wieder an jenem Tag, und alles geschah genau so, wie es damals geschehen war, jeder Schritt und jedes Geräusch, bis sie das Kichern hörte. Im Nebenraum flüsterte es von überall her ihren Namen, ihren richtigen: Elariel. Dann ging das Lachen weiter. In der Wand öffnete sich ein riesiges Auge mit goldener Iris und sah sie an, dann noch eines und noch eines, überall, und das Haus begann zu schmelzen. Wände und Decke flossen ineinander, sanken über ihr zusammen und begruben sie unter sich.

Dann Hitze, erdrückende Hitze, und sie stand auf einem Turm. Die anderen waren auch da, manche verletzt, alle reglos, als wären sie mitten in der Bewegung gefroren. Eine schwarze Masse hatte sich um Malu geschlungen, und sie lachte, genauso wie das Lachen, dass sie davor gehört hatte. Als Lyria näher kam, formte sich ein Teil davon zu einem Gesicht, zu Maes Gesicht, und es lachte weiter. Tentakel schossen daraus hervor und umschlangen Lyria.

Dann nichts. Eine endlose Leere ohne Oben und Unten, und darin ein riesiger Drache aus Bronze. Er sah sie an, und seine Pupille verformte sich, bis sie ein Kreis war, dessen Rand gesprungen war.


Von alldem ahnten die anderen nichts. Sie sahen nur, dass Lyria förmlich glühte vor Fieber und nicht aufwachte.

Enso saß gefesselt am Boden der Höhle, und Malu versuchte, ihn zum Reden zu bringen. Enso hatte anderes im Sinn. Er lächelte sie an und flirtete, als säßen sie in einer Taverne und nicht in einer Höhle, in der gerade seine Leute gestorben waren.

„Schöne Rüstung.“

Malu wusste nicht recht, wohin mit sich, und so sehr sie es versuchte, viel bekamen sie nicht aus ihm heraus.

Godfrey versuchte es auf seine Weise. Er tat so, als hätten Lyria und Ludwig den Schützen erwischt und die Kugel zurückgeholt, doch er log so ungeschickt, dass Enso ihm kein Wort glaubte, und am Ende gab Godfrey es einfach zu. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte er sich um Kopf und Kragen geredet.

Was mit Lyria geschah, erfuhren sie aus Godfreys Buch. Selmas Gift rief Trugbilder hervor, stand dort, Bilder, die dem Vergifteten so wirklich erschienen wie die Welt selbst, und in früheren Zeiten hatte man es wohl benutzt, um Visionen der Zukunft zu erzwingen. Und sie fanden heraus, dass Lyria an diesem Gift sterben würde, wenn sie kein Gegengift bekam, und das ließ sich nur aus einem weißen Axtkopf herstellen, einer seltenen Blume.

Godfrey ging hinaus, um danach zu suchen. Eine Minute später war er wieder da und erklärte, er habe keinen gefunden. Gesucht hatte er offensichtlich nicht.


Das Gift zog Lyria tiefer.

Sie stand in einem langen Gang. Die Säulen zu beiden Seiten waren verzerrt, als hätte jemand sie wie Wachs verbogen, und im Gang standen zwei Godfreys. Sie ging auf den zweiten zu.

Dann ein Kinderzimmer von überwältigender Pracht, voller Seide und Gold. Darin schlief ein kleines Halbelfenmädchen, im Maul des bronzenen Drachen, als wäre es ihr Bett. Der Drache verschlang sie, und für einen Augenblick waren die goldenen Augen wieder da.

Wieder der Gang. Der andere Godfrey hielt jetzt das Buch in den Händen.

Wieder der Drache. Seine Schuppen wurden grau und sein Auge trüb, als hätte die Zeit ihn in wenigen Atemzügen dahingerafft.

Dann eine Stadt, vollkommen zerstört. Überall Feuer, überall Schreie um Hilfe, überall Leid, und am Himmel, über dem Rauch, flog ein gigantischer grauer Drache.


Als sie die Höhle verließen, trugen sie Lyria, deren Fieber nicht sank. Was mit Enso geschehen sollte, hatten sie untereinander ausgemacht. Beim Hinausgehen hob Ludwig die Hand gegen ihn, ein Stoß dunkler Magie traf ihn am Kopf, und er war tot, bevor er fiel.

Zurück in Weizwasser legten sie Lyria in ihr Bett, und Malu blieb bei ihr, so oft sie konnte. Erwin fragten sie, ob er wisse, wo ein weißer Axtkopf zu finden sei. Der alte Kleriker, dessen Gebet Lyria bei ihrer ersten Begegnung so viel Geduld abverlangt hatte, betete nun für sie, und diesmal beteten Wolfgang und Ludwig mit ihm. Danach machten sich die beiden auf in den Wald.

Der Wald war still, als hielte er den Atem an. Was Wolfgang dort fand, war mehr als eine Blume. Malack begegnete ihm, die Göttin der Jagd, in Gestalt eines Hirsches, und sie gab ihm den weißen Axtkopf. Umsonst war er nicht: Wolfgang musste ihr versprechen, ihr zu helfen, die verschwundenen Waldgeister zu finden und jene zu richten, die sie töteten. Als er zurückkam, trug er ihr Zeichen auf der Stirn.

Ludwig sah im selben Wald Dinge, die nicht da waren. Vor ihm stand ein Reh, und er tötete es. Glocken läuteten, von nirgendwo und von überall zugleich, und als er an sich hinabsah, war er voller Blut, warm und klebrig. Dann war da wieder ein Drake.

Als Wolfgang ihn fand, hielt Ludwig ein blutiges Schwert in der Hand. Sie redeten kurz. Ludwig sagte nicht viel, und Wolfgang fragte kaum nach, und den anderen erzählte Ludwig nichts davon. Die Glocken aber sollte er von nun an nicht mehr loswerden.


Wolfgang brachte den weißen Axtkopf ins Dorf. Aus der Blume wurde das Gegengift hergestellt, und Lyria nahm es.

Das Gift hielt sie noch immer fest. Sie war wieder in dem Gang, und endlich erreichte sie den zweiten Godfrey. Er packte sie.

Dann war sie wieder in der zerstörten Stadt, mitten im Chaos, zwischen Feuer und Schreien, und dort sah sie die Königin, aufgespießt.

Dann erwachte sie, langsam und so schwach, dass sie kaum die Augen offen halten konnte. Und irgendwo, ganz leise, lachte es noch.

In derselben Nacht verschwand Godfrey.