Sie rasteten in der Höhle des Draken, wo das Wasser gegen den Fels schlug, und erst als sie wieder bei Kräften waren, stiegen sie hinab.

Was unter der Höhle lag, hatte niemand für Besucher gebaut. Gänge führten in die Tiefe, die Luft wurde kälter und abgestandener, und überall, auf Bannern und an den Wänden, kehrte dasselbe Zeichen wieder: eine schwarze Faust, aus der rote Blitze brachen. Es war das Zeichen Banes, des Gottes der Tyrannei.

Das Erste, was ihnen begegnete, war ein Gehängter. An seiner Hand steckte ein Ring mit einem Totenkopf, und Godfrey steckte ihn kurzerhand ein. Dort lag auch ein Dolch, doch den wollte keiner anrühren. Er war ihnen nicht geheuer, und so ließen sie ihn liegen.

Eine weitere Treppe führte tiefer hinab, zu mehreren Vasen, die bis zum Rand mit Blut gefüllt waren. Einer von ihnen öffnete eine der Vasen, und kaum war sie offen, wurde das Blut herausgezogen. Es floss nicht aus, es verschwand, als tränke die Wand es in sich hinein, und keiner von ihnen konnte sagen, wohin.

Im selben Augenblick erwachte der Tempel. Was eben noch tot und still gewesen war, regte sich, als hole der ganze Ort Atem. Die Wände bebten, und hinter ihnen brach die Treppe in sich zusammen.


Weiter unten stießen sie auf eine Stelle, an der die Decke eingebrochen war. Unter dem Geröll lag ein Toter in Kleidung, wie man sie in der Unterwelt trägt, und an ihm fanden sie eine Brosche mit einem Zeichen, das ihnen damals noch nichts sagte. Später sollten sie es wiedererkennen.

Von der anderen Seite des Schutts drangen Stimmen herüber. Zwei Männer unterhielten sich dort über ein Artefakt, eine Kugel. Zu sehen war von ihnen nichts.

Hinter der nächsten Tür erwartete sie ein Relief: ein Krieger mit schwarzer rechter Hand und einer Kriegsaxt, deren Verzierungen aussahen wie Nebel, ein Kriegsherr aus der Zeit vor tausend Jahren. Sein Gesicht glich ein wenig dem Banes.


Es geschah in einem engen Gang, in dem nur Ludwig bei Godfrey war. Godfrey hatte ein Medaillon bei sich, auf dem ein Fluch lag, und mit einem Mal zog es ihn in Banes Bann. Er versuchte, das Medaillon in eine Tür einzusetzen, um sie damit zu öffnen, und dann wollte er sich die eigene Klinge in den Leib stoßen.

Ludwig packte ihn, bevor er es tun konnte, und hielt ihn fest. Einen Augenblick lang hielt der Griff, dann wandte sich Godfrey gegen ihn, mit einer Wut, die nicht die seine zu sein schien, als gehorche er etwas, das keiner von ihnen hören konnte.

Während sie rangen, geschah etwas Unheimliches. Ludwigs Blut tropfte nicht zu Boden, sondern floss an etwas entlang, das er nicht sehen konnte, als würde es von unsichtbaren Fäden aufgesogen. Malu musste eingreifen, und Godfrey riss sich aus Ludwigs Griff los. Es dauerte quälend lange, bis Godfrey sich endlich aus dem Bann befreite.

Danach richtete sich die Wut aller auf ihn. Erst jetzt erzählte Godfrey von den Fäden, feinen Linien, die nur er sehen konnte, und das ohnehin geringe Vertrauen in ihn sank noch weiter. Dann zog er sich zurück.


Das Tor, vor dem sie schließlich standen, war riesig. In seine Flügel war ein Schlachtfeld gemeißelt, und in seiner Mitte stand ein Mann, dem ein klaffender Hieb quer über die Brust lief. Daneben öffnete sich ein großer Gebetsraum mit einem Altar, und dort stand geschrieben:

Gefolge des Tyrannen, tue deine Pflicht, opfere dein Leben und gehorche ewiglich.

Wer sich umsah, erkannte, woraus dieser Ort seine Kraft zog: aus Blut. Ludwig spürte Magie im Tor und im Altar, weniger allerdings, als man hätte erwarten können, doch der ganze Raum war ein wenig davon aufgeladen.

Neben dem Tor standen zwei leere Rüstungen, und ein Stück abseits lag eine kleinere Tür aus Eisen. Dahinter wurde gesprochen. Sie traten näher und lauschten. Die Fremden redeten von Geröll, von einem widerlichen Gefängnis und einem beschädigten Kreis, und offenbar gruben sie sich durch einen verschütteten Gang. Ihr Anführer trieb sie zur Eile an, denn er brauche die Kugel. Zwei Stimmen waren zu hören, aber die Schritte von dreien.

Einen Kampf wollte niemand riskieren, nicht gegen Leute, die ihnen womöglich überlegen waren. Lyria öffnete das Schloss der Eisentür, und dann warteten sie. Stunden vergingen vor dieser Tür, lange, zähe Stunden. Als sie sie schließlich aufzogen, lag dahinter kein Gang mehr, sondern nur Schutt: Er war schon vor langer Zeit eingestürzt.


Blieb nur das Tor. Wolfgang und Ludwig gingen zurück zu dem Dolch, den vorhin keiner hatte anrühren wollen, und diesmal nahm Wolfgang ihn an sich. Er brachte ihn zum Tor und stach damit zu.

Über dem Tor begann eine Schrift zu glühen, und neben ihm regten sich die beiden Rüstungen.

Wolfgang war schneller als sie und klein genug, dass ihre Hiebe über ihn hinweggingen. Lyria hatte weniger Glück. Eine der Rüstungen traf sie mit voller Wucht, und die Welt wurde schwarz.

Beinahe hätten sie Lyria verloren. Wolfgang griff in ihre Sachen, fand den Heiltrank, den sie bei Vera gekauft hatten, den einzigen, den sie besaßen, und flößte ihn ihr ein. Das Erste, was Lyria wieder spürte, war sein Geschmack.

Am Ende lagen beide Rüstungen am Boden. Sie gingen zurück zu den Vasen, holten Blut, strichen es auf die Klinge, und Wolfgang stach ein zweites Mal in das Tor. Diesmal fügte sich das Bild auf den Flügeln zusammen, und das Tor öffnete sich.


Rotes Licht schlug ihnen entgegen, heiß wie aus einem geöffneten Ofen.

Die Halle dahinter war riesig. Von der Decke hingen Ketten, an den Wänden zeigten Gemälde Bane und seine Diener, und in der Mitte erhob sich eine Statue des Gottes mit seiner Axt. In ihrer roten Hand hielt sie eine graue Kugel, in der Wolken trieben und rote Blitze zuckten. In der Statue klaffte eine Öffnung, und an ihrer Seite stand eine Schale.

Und hier sahen sie sie alle: die Fäden, von denen Godfrey erzählt hatte. Sie liefen auf die Kugel zu.

Tivin und Tug nahmen die Kugel der Statue aus der Hand und legten an ihre Stelle einen Helm, den sie einer der Rüstungen abgenommen hatten. Im selben Augenblick erloschen das rote Licht und die Fäden. Die Kugel behielt Tivin.


Eine Seitentür, über und über zerkratzt, führte in einen Raum voller Käfige, in denen nur noch Knochen lagen. An seinem Ende stand eine kleine Statue Banes, deren Augen leicht bluteten, und daneben klaffte ein Riss in der Wand, der aussah, als hätte ihn jemand hineingeschlagen. Tivin hörte Stimmen dahinter, denn die Kobolde hatten feinere Ohren als alle anderen.

Durch die Vordertür kamen sie in eine Waffenkammer mit zwei Bannern der schwarzen Faust und zwei Gestellen voller rostiger Waffen und Rüstungen. Hinter dem linken Banner verbarg sich eine Geheimtür. Sie führte in einen Gang mit drei Türen, an dessen Ende eine Metallschale stand, die wohl einmal geleuchtet hatte.

Hinter der ersten Tür lag ein Schlafsaal mit dreistöckigen Betten. Ludwig fand dort eine Laterne mit einer Linse, die aussah wie ein Auge, im Raum lag eine blutgetränkte Flöte, und außerdem Geld, sehr viel Geld, das sie mitnahmen. Für eine Gruppe, die sich in Tisir nicht einmal die Schmiede hatte leisten können, war das keine Kleinigkeit.

Hinter der zweiten Tür standen zwei Übungspuppen zwischen rostigen Waffen. Godfrey versuchte, sich unbemerkt davonzustehlen, und scheiterte, und am Ende schob Wolfgang ihn kurzerhand hinaus.

Weiter hinten hingen kleinere Banner, und Spitzhacken lagen herum. Und wieder waren Stimmen zu hören.