Der Kleriker von Weizwasser kam selbst zu ihnen in Colvas Haus, und schon an der Art, wie er über die Schwelle trat, sah man, dass er es nicht eilig hatte. Erwin, ein alter Mann in grünlich-braunen Roben, hörte schwer, sah nur noch halb und ließ jedem Wort die Zeit, die es brauchte. Freundlich war er, hilfsbereit auch, nur nicht immer der Schnellste.

Als sie ihn nach dem Monster fragten, vertröstete er sie. Zuerst müsse er sein Gebet sprechen, erst danach könne er ihnen mehr erzählen. Dann machte er sich auf den Weg nach draußen, zu seiner Gebetsstätte unter freiem Himmel, im selben bedächtigen Schritt, in dem er gekommen war.

Nicht alle gingen mit. Für Lyria war schon diese erste Begegnung eine Geduldsprobe: Irgendwo da draußen ging ein Monster um, und der Einzige, der mehr darüber wusste, ließ sich Zeit.

Malu aber folgte ihm, und was sie draußen sah, sollte sie so schnell nicht loslassen. Erwins Stimme hob sich nicht, und seine Bewegungen wurden nicht schneller, und doch veränderte sich etwas, während er betete. Die Luft um den alten Mann wurde still, und die Magie, die er rief, war so deutlich zu spüren wie Wärme auf der Haut.

Danach erzählte Erwin, was er wusste. Das Monster sei angeblich mit einem Schaf davongeschwommen. Mehr hatte er nicht, doch es genügte, um ihnen eine Richtung zu geben, und so folgten sie dem Fluss.


Der Fluss führte sie aus dem Dorf hinaus, an Weiden und Ufergestrüpp vorbei, bis sie im Schlamm am Ufer fanden, wonach sie suchten: Spuren, die aus dem Wasser kamen und in den Wald hineinführten. Godfrey, dem von Veras Rauschmittel nichts mehr anzumerken war, ging wieder mit klarem Blick neben ihnen her.

Sie folgten der Spur lange. Der Wald wurde dichter, das Licht zwischen den Stämmen spärlicher, und was sie jagten, ließ sich nicht blicken. Den Strick am Boden sah keiner von ihnen. Es gab einen Ruck und ein Rauschen von Blättern, dann schloss sich ein Netz um die Gruppe und riss sie in die Höhe und einen Atemzug später hingen sie eng aneinandergepresst zwischen den Ästen eines Baumes, während unter ihnen der Waldboden schwankte.

So fanden sie die Fallensteller. Zwei kleine Gestalten traten zwischen den Stämmen hervor, mit grauem Fell, großen, abstehenden Ohren und Gesichtern, die an Füchse erinnerten, und blieben unter dem Netz stehen, um hinaufzusehen. Mit einer solchen Beute hatten sie nicht gerechnet, ihre Falle war für Tiere gedacht, und so ließen sie die Gruppe wieder herunter.

Die beiden, Brüder und Hochlandkobolde, hießen Tivin und Tug. Tivin, der ältere, trug eine Augenklappe und zwei schwere Goldringe im linken Ohr, und in ihm steckte eine rastlose Lust auf Kletterpartien, Schätze und Abenteuer. Tug, dem an der Schnauze rötliche Schuppen statt Fell wuchsen, war empfindsamer als sein Bruder, hatte eine Schwäche für Feuer und fasste schnell Vertrauen. Wolfgang verstand sich auf Anhieb mit ihnen.

In ihrem Lager erzählten die Brüder, was sie in diesen Wald geführt hatte. Sie waren auf Schatzsuche, ausgesandt von ihrem Bruder Tilur. Als die Gruppe im Gegenzug von dem Monster erzählte, fiel Tug etwas ein: In der Ferne habe er seltsame Geräusche gehört.

Sie beschlossen, die Nacht im Lager zu verbringen. Der Wald wurde dunkel und still, und irgendwann in dieser Stille waren die Geräusche wieder da.


Mit Tivin und Tug an ihrer Seite gingen sie ihnen nach, durch den nächtlichen Wald, bis das Rauschen des Flusses alles andere übertönte. Dort, wo das Wasser das Ufer ausgehöhlt hatte, öffnete sich eine kleine Höhle, und kaum waren sie darin, beschlich Malu ein ungutes Gefühl.

Der Weg nach unten führte über nassen Stein, glatt vom Wasser, das ständig darüberlief, und sie tasteten sich Schritt für Schritt voran. Da verlor Tug den Halt. Im Fallen riss er Lyria mit sich, der Fels unter ihren Füßen war mit einem Mal fort, und dann schlug schwarzes, eiskaltes Wasser über ihr zusammen.

Sie war nicht allein darin. In dem Wasserloch lauerte das Monster, ein Drake und er griff sie sofort an. Und aus dem Dunkel der Höhle kam noch etwas anderes, ein Riesensalamander, der hier unten gehaust hatte.

Ludwig rief das Wasser zu sich, und es gehorchte ihm. Es hob Lyria an und trug sie zu ihm heran, fort von dem Draken. Kaum stand sie wieder auf festem Stein, kämpfte sie zusammen mit Wolfgang und Godfrey den Salamander nieder, während Malu sich dem Draken stellte und ihn mit einem göttlichen Schlag vernichtete.

Danach war in der Höhle nur noch das Wasser zu hören. Malus erste Frage galt den anderen, ob alle unversehrt seien, und vor allem Lyria, der das Wasser noch aus den Haaren lief.

Das Monster von Weizwasser war tot.


Tiefer in der Höhle führte ein Durchgang weiter hinab. Er sah aus wie jeder andere Spalt im Fels, und doch war das, was dahinter begann, nicht vom Wasser ausgewaschen worden: eine seltsame Anlage unter der Erde.

Was dort unten wartete, wollte in dieser Nacht niemand mehr herausfinden. Sie beschlossen, zuerst zu rasten.