Tisir roch nach Pferden, nach Gewürzen und nach dem Rauch aus hundert Küchen. Durch die Gassen zogen Händler, Wagen voller Waren rollten herein und noch am selben Abend wieder hinaus, und wer hier ankam, blieb selten länger als eine Nacht: eine Stadt, durch die man hindurchkam.

Wer bei einer Abenteurergilde an eine prächtige Halle dachte, wurde in Tisir enttäuscht. Die Gilde hatte ihre Räume im Hinterraum einer Taverne, die selbst zu ihr gehörte, und dort, zwischen einfachen Holztischen und dem Geruch von verschüttetem Bier, warteten vier Leute, die einander bis zu diesem Tag nie gesehen hatten.

Malu war der Einladung der Gilde gefolgt, eine Halbelfe mit langen, rötlich orangen Wellen und in einer Rüstung, die deutlich teurer war als alles andere in diesem Raum. Neben ihr saß Godfrey mit seinem Buch. Wolfgang, ein kleiner Goblin unter einem großen Hut, ließ erst einmal die anderen reden. Und Lyria, eine Elfe, anmutig, mit heller Haut und langem schwarzem Haar, ganz in dunkle Kleidung gehüllt, wie man sie trägt, wenn man nicht auffallen will, setzte sich nicht einmal: Sie blieb dort stehen, wo sie die Tür im Blick hatte.

Dann ging die Tür zum Seitenraum auf, und zwei kamen herein, die sich schon kannten: Ludwig, ein Wassergenasi in einem langen Mantel, der alle anderen im Raum überragte, und sein Kollege Galin, ein kleiner Halbling in gut sitzender Kleidung, dem das rötliche Haar in alle Richtungen stand. Die Briefe, die bei der Gilde eingingen, gingen fast alle über Galins Tisch, und man sah ihm an, wie viele es waren. Ludwig, der eine Zeit lang mit ihm zusammen für die Gilde gearbeitet hatte, nahm die Hetze gelassen. Bis zu diesem Tag hatte er dort vor allem Karten und Bücher abgeschrieben, und nun stand sein erster Auftrag als Abenteurer an.

Galin begrüßte jeden einzeln und nahm die Gruppe offiziell in die Gilde auf. Malu erzählte dabei offen, wer sie war, während Lyria kaum etwas über sich preisgab. Dann kam der Auftrag: In Weizwasser, einem Bauerndorf ganz in der Nähe, treibe ein Monster sein Unwesen, und der Kleriker des Dorfes habe um Hilfe gebeten.


Ausrüstung brauchten sie noch, also zogen sie durch die Stadt, und der erste Weg führte zu einer Schmiede.

Lyria wollte eigentlich nur von draußen durch das Schaufenster sehen. Doch auf der Straße standen ein paar Ordnungshüter, und einer von ihnen sah zu ihr herüber, nicht länger, als man eben zu einer Fremden hinsieht. Zwei Schritte später war sie drinnen, wo die anderen schon zwischen Klingen und Beschlägen standen. Gekauft wurde in der Schmiede nichts, die Preise waren weit jenseits dessen, was die Gruppe hatte, und Lyria stand ohnehin am Fenster und ließ die Straße nicht aus den Augen, bis die Ordnungshüter weitergezogen waren.

Der Trankladen, auf den sie danach stießen, war ein seltsamer Ort. Hinter dem Tresen saß Vera, eine junge Halbelfe in einem schlichten Kleid voller Pflanzenmotive, das dunkle Haar offen, die grünlich schimmernden Augen gerötet, und ansprechbar war sie nur mit Mühe. Tränke verkaufte sie, Rauschmittel ganz offensichtlich auch, und von denen nahm sie selbst reichlich: Während sie mit der Gruppe sprach, schnüffelte sie etwas davon. Die Pflanzen um sie herum schienen ihr zu gehorchen, zumindest ein wenig, und Wolfgang interessierte an diesem Laden ohnehin weniger, was in den Flaschen war, als das, was da wuchs.

Die Gruppe kaufte einen Heiltrank, Godfrey ein paar merkwürdige Blüten, und als Vera ihm anbot, von dem Zeug ebenfalls zu schnüffeln, tat er es.

Kurz darauf war Godfrey berauscht. Lustig fand das niemand, eher befremdlich, denn sie kannten ihn ja gerade erst, und so nahm Lyria ihn mit vor die Tür und sagte ihm, er solle sich zusammenreißen.


Der Weg nach Weizwasser führte durch Wald, und weil Wolfgang Luna dabeihatte, seine Begleiterin, durch deren Augen er sehen konnte, lag immer ein Blick vor der Gruppe.

Was zwischen den Bäumen lag, war zuerst nur ein Geruch und dann ein Bild: die Überreste einer Kuh, aufgebrochen und ins Laub getreten. Lange tot war das Tier nicht, und wer es gerissen hatte, war noch da. Zwei Wölfe standen bei dem Kadaver, die Köpfe tief, und ließen die Fremden nicht aus den Augen.

Wolfgang versuchte es mit Reden. Was er den Tieren sagte, verstanden bestenfalls sie; für die anderen klang es schlicht so, als mache er Wolfslaute nach.

Lyria und Godfrey verließen sich nicht darauf. Leise zogen sie sich zwischen die Bäume zurück und versuchten, sich im Unterholz zu verbergen, um notfalls ungesehen aus dem Wald heraus zuzuschlagen.

Dann kam von hinten ein dritter Wolf, und damit war klar, dass den Tieren nicht nach Reden zumute war. Sie griffen an.

Es wurde ein harter Kampf, härter, als ein Auftrag im nächsten Bauerndorf es hätte sein müssen. Fünf Leute, die sich an diesem Morgen zum ersten Mal gesehen hatten, kämpften zum ersten Mal miteinander, und keiner von ihnen wusste, was die anderen konnten, wer vorn stehen würde und wer besser im Rücken blieb. Eine Weile war da nur Knurren, Laub und das eigene Keuchen.

Godfrey wusste es offenbar am wenigsten. Eben noch hatte er sich mit Lyria im Unterholz verbergen wollen, und nun stand er mitten vor den Wölfen, ohne Deckung und ohne erkennbaren Plan. Das hätte ihn beinahe das Leben gekostet, und dass er es behielt, verdankte er allein Malu, die ihn heilte, bevor es zu spät war.

Am Ende lagen die Wölfe im Wald, und die Gruppe stand noch, außer Atem und nicht ohne Blessuren. Als es wieder still war, wollte Malu als Erstes wissen, ob alle in Ordnung seien. Godfrey war noch immer nicht ganz bei sich.

Von dem Dorf und seinem Monster hatten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal etwas gesehen.


Als Weizwasser vor ihnen lag, war es schon dunkel. Höfe, Weiden, ein Fluss, und dazwischen kein einziges Tier. Kein Hund, der anschlug, kein Rind auf der Weide, kein Huhn zwischen den Häusern, in einem Bauerndorf, in dem die Tiere sonst mitten durch die Gassen laufen. Das Dorf lag da wie ausgestorben.

Die Gruppe klopfte an die Tür eines Gebäudes, das sie für eine Taverne hielt, doch eine Taverne war es nicht. Geöffnet wurde ihnen von Colva, einem jungen Mann mit kurzen schwarzen Haaren und drahtiger Statur, der von Fremden sichtlich wenig hielt und sie trotzdem bleiben ließ, wenn auch nur widerwillig. Nach dem Monster fragten sie ihn ebenfalls. Davon wisse Erwin mehr, sagte Colva, der Kleriker des Dorfes, mit dem sollten sie reden.

Am nächsten Morgen gingen sie zu den Bauern, und das Reden übernahmen vor allem Ludwig und Malu.

Palo, ein Bauer mittleren Alters mit einer kleinen Narbe über der linken Augenbraue, hatte das Monster gehört und war sich ganz sicher: ein Drache. Über Drachen konnte er lange reden, und seine Frau Mila tat das mit sichtlicher Ungeduld ab. Gegen drakonische Kreaturen hatte sie nichts, für Pseudodrachen schwärmte sie sogar; sie hatte das Thema aus dem Mund ihres Mannes nur schon zu oft gehört.